Maria:
Das wird Ihnen merkwürdig vorkommen, als Erwachsene leide ich noch immer unter den Liebesentzug, den ich als Kind erfahren habe. Als mein Vater meine Stiefmutter heiratete, hat er mich einfach verworfen. Ich wusste damals nicht, warum er das tat. Wie sollte das auch sein? Jetzt bin ich in der Lage, sein Verhalten besser zu analysieren und doch bleibt der Schmerz tief in mir verankert.
Pierre:
Das bedeutet, dass der Verstand nicht alles richten kann. Was sich einmal im Herz eingenistet hat, ist kaum auszumerzen. Hat das Folgen für Ihr Leben gehabt? Haben Sie das Gefühl, dass Ihnen etwas Entscheidendes geraubt wurde? Wie kommen Sie heute damit aus?
Maria:
Sein Liebesentzug hat meine ganze Laufbahn zerstört. Das klingt vielleicht übertrieben, aber das ist eine Tatsache. Mein Vater hat mir einfach die Kraft entnommen, die ich benötigt hätte, um das zu erreichen, was mir vorschwebte. Sie werden mir sagen, dass ich allein für mein Dasein Verantwortung trage. Das ist exakt, aber in meinem Fall trifft das nicht unbedingt zu!
Pierre:
Es gibt eine menge Menschen, die unter widrigen Umständen es zu etwas gebracht haben. Auch Sie haben es irgendwie geschafft und das trotz Liebesentzug. Versuchen Sie nicht eine Entschuldigung zu finden, indem Sie Ihren Vater für das nicht erreichen, Ihrer Träumen verantwortlich machen?
Maria:
Wie können Sie das beurteilen? Sie haben, wie Sie es mir sagten, nie so etwas durchgemacht. Ich bin eine sensible Frau und habe meinen Vater sehr vermisst. Er hat mich Jahren lang seelisch verfolgt. Ich hätte ihm so gern beweisen wollen, dass ich etwas Besonderes bin, aber er blieb taub!
Pierre:
Wollen Sie damit deuten, dass Sie ihm Ihr ganzes Leben gewidmet haben? Das kann doch nicht Ihr ernst sein. Ist es nicht die Aufgabe der Kinder sich zu emanzipieren?
Maria:
Das können sie nur tun, wenn sie Liebe erfahren haben. Auch wenn ich meinen Vater hasse, sollte für das, was er mit angetan hat, bleibt er in mir stecken. Er lässt mich nicht los! Können Sie das nicht vollziehen? Das ist für mich eine ungeheuerliche Last. Er übt auf mich eine Art Mobbing.
Pierre:
Das stellen Sie sich vor; das geschieht allein in Ihrem Gehirn! Ihr Vater ist schon längst gestorben. Wie Sie mir sagten, hatten Sie nicht die Gelegenheit gehabt, eine Aussprache mit ihm zu haben.
Maria:
Das hätte ich gerne getan aber heute ist es mir bewusst, dass es wenig gebracht hätte. Wenn es um Gefühle geht, ist es schwierig, sie in Worte umzusetzen. Hätte mein Vater die Kraft gefunden, sich selbst zu stellen? Ich habe meine Zweifel.
Pierre:
Aber Sie hätten somit einen Ballast über Bord werfen können. Das hätten Sie allein für sich getan; nicht für die Andere. Das sollte Ihnen klar sein.
Maria:
Ja schon, aber vergessen Sie nicht, dass man auf dieser Welt nie allein ist. Auch wenn mein Vater sich taub gestellt hätte, hätte er mich anhören müssen. Das wäre mir gut bekommen, auch wenn der Zug schon längst abgefahren ist.
Pierre:
Können Sie nicht einfach alles vergessen; in die Zukunft blicken?
Maria:
Nein, das schaffe ich leider nicht. Fragen Sie mir nicht warum. Es gibt Dinge, die man nicht erklären kann.
Pierre:
Bedeutet das, dass Sie bis zu Ihrem Tod damit leben müssen?
Maria:
Ja, was bleibt mir anderes übrig? Aber sehen Sie, ich versuche, meinen Kindern so viel Liebe wie möglich zu schenken. Das ist, wenn Sie so wollen, meine Revanche. Ich akzeptiere, dass sie mir vorwerfen, könnten sie damit zu ersticken. Aber besser das als den Liebesentzug!
//pm
Link zum Thema Vaterliebe:
http://de.wikipedia.org/wiki/Vaterliebe