Archive Thomas Dietsch

Generation Chaos?

Kennt noch jemand die „Generation Golf“? Das Buch von Florian Illies erschien 2000. Schon eine Ecke her … Amüsant zu lesen, strebt der Autor danach, die zwischen 1965 und 1975 Geborenen historisch einzuordnen. Was prägte uns? Sorgenfreie Jugend, man will nicht mit wirtschaftlichen Problemen kämpfen. Die gab es damals auch schon. Man erinnere sich an die Ölkrisen in den 1970ern. Kein Sprit, am „Autofreien Sonntag“ waren die Autobahnen leer. In den Endsiebzigern und den Achtzigern hatte man keinen Bock mehr, sich mit solchen Phänomenen zu beschäftigen, man ruhte sich auf dem von der Elterngeneration geschaffenen Wohlstand aus. Klima- oder Umweltschutz steckte in den Kinderschuhen. Energieeffizienz war ein völliges Fremdwort.

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Der freie Mensch

Bei einem Fußmarsch, egal mit welchem Ziel, kommen einem die besten Gedanken. Geht auch mir so; man denkt zunächst an nichts, das Gehirn fängt von selbst an, den einen oder anderen Gedanken zu spinnen. Mag dieser einen vielleicht kurz vorher schon eine Weile als Problem ohne Lösung gequält haben, eventuell trifft einen im wahrsten Sinne des Wortes auch der Geistesblitz.

So ging es mir neulich wieder. Während man so dahinläuft kommt einem der Gedanke, wie schön es doch ist, sich so frei bewegen zu können. Freiheit! Ist sie uns doch garantiert, hier in unserer Gesellschaft, in unserem Land und für die Zeitgenossen. Das war nicht immer so und ist heute auch nicht überall auf der Welt garantiert. Es gibt zu viele totalitäre Regime …

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Hartz

Sie saß, eine Zigarette rauchend, auf ihrem kleinen Balkon im vierten Stock und schaute auf das Treiben unten in der Straße. Hier wohnte sie jetzt schon seit Jahren, in diesem Viertel am Rande der Altstadt. Dieses Haus oder, besser gesagt, die ganze Straße, hatte schon einmal bessere Zeiten gesehen. Zum Teil reich verzierte Eingänge, Fenstersimse und Geländer in erstklassiger Schmiedearbeit. Jemand hatte ihr einmal erklärt, das Viertel stamme aus der Gründerzeit. Irgendwann Mitte des 19. Jahrhunderts musste das gewesen sein. Aber der Reichtum bröckelte, der Lack ging ab. Hier investierte keiner mehr. Warum auch?!

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Fortschritt

Fortschritt

Wo warst Du denn die ganze Zeit? Ist ja ´ne Ewigkeit her, dass wir uns zum letzten Mal gesehen haben.

Weißt doch, Stress im Beruf. Danach hab ich mir gleich mal zwei Wochen Urlaub gegönnt. Was man so Urlaub nennt …

Wieso? War´s nicht schön? Schlechtes Wetter? Wart Ihr weg?

Ja, Kroatien. Wetter war o.k., der Urlaub so gesehen ja auch. Wir müssen allerdings seit diesem Jahr unsere Emails täglich abrufen. Auch im Urlaub. Jeder in meiner Position und darüber hat deswegen ein Firmenhandy bekommen. Das ist nicht gerade entspannend, wenn Du eine gute Stunde Urlaubszeit dranhängen musst, um irgendwelchen nörgelnden Kunden Emails zu schreiben, warum, wieso und weshalb sie doch nicht recht haben.

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Kriegsrat

Kriegsrat

Es war wieder einmal an der Zeit, und zwar Stammtischzeit. Gestern konnte man die beiden wieder beobachten, den Horst und den Hans. Alles schien wie sonst auch zu sein, aber da war diese Anspannung, man konnte es auch als Angst bezeichnen. Ja, Nord-Korea, man war in der Krise, das Wort „Krieg“ hing in der Luft. Die beiden waren ja nun auch ältere Semester, der Begriff des „Kalten Krieges“ und die damit verbundene atomare Bedrohung war noch in bester Erinnerung. Von den Sechzigern bis in die Achtziger lebte man in der ständigen Bedrohung, dass im Osten die Sowjetunion oder auch im Westen die USA die Atombombe zünden würden und damit den Untergang der Welt einleiteten. „Krieg“, unter diesem Motto stand der heutige Stammtisch. Und mal ehrlich: wie damals war der Böse gleich ausgemacht. Nord-Korea, wer sonst?! Hatten die nicht im Februar diesen Jahres noch einen Atombombentest gemacht?! Mensch, wer machte denn so etwas noch heute?! Versetzt die Menschen in Angst und Schrecken und für was? Bloß, um den großen Macker zu spielen.

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Die Gedanken sind nicht frei

Lhasa … Für Europäer ist es ungewohnt kalt, die Luft sehr dünn. Buntes Treiben auf den Straßen und auf dem hiesigen Platz. Für Leute aus unseren Regionen spielt sich das Leben hier in völlig unbekannter Weise ab. Die Mehrheit der Menschen sind Buddhisten, sie strahlen eine Ruhe und Gelassenheit aus, Zeit scheint für sie keine Rolle zu spielen. Für mich stellt sich die Frage, ob die Zeit in diesem Land und dieser Stadt überhaupt zu Gast ist oder ob die Tibeter nicht eine Form des Daseins außerhalb derer gefunden haben. Es gibt so viel Neues und Unbekanntes zu entdecken …

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Gedanken auf einer Parkbank

Kannst Du Dich noch erinnern, wie es früher war? Wenn Du eine bestimmte Grenze überschritten hattest, hieß es in der Kindheit: „Du Du Du!“ oder „Das darfst Du nicht!“, in der Jugend: „Das machst Du nicht noch einmal!“. Was haben wir uns dabei gedacht? Ja, irgendwann würden wir groß bzw. volljährig sein, frei, tun und lassen können, was wir wollen. Jetzt sitzen wir hier, in der Mitte des Parks und des Lebens …

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Die Rechten vom Recht her betrachtet

Na, auch beim Einkaufen? Ich nehm´ mir mal noch eine Zeitung mit. Haste gesehen?! Die NPD wollte sich für verfassungsgemäß erklären lassen …
Alles Quatsch! Die nimmt doch eh keiner mehr Ernst. Die mit ihrem Deutschen-Gequatsche!
Ich weiß nicht so recht. Hab neulich im Radio gehört, dass die CDs mit rechtsradikalem Liedgut auf Schulhöfen verteilen wollen. Ist doch eine Schweinerei, oder?!
Früh übt sich, wer Wähler haben will … Ironie lass nach! Wie sollen wir je auf dieser Welt Frieden bekommen, wenn es immer wieder Menschen gibt, die, aus welchen Gründen auch immer, Hass auf den Anderen schüren?!
Keine Ahnung. Wir beide können da eh nichts ändern. Die CD soll ja jetzt auf den Index. Darfst Du dann nicht mehr abspielen, weiterveräußern und ähnliches. Die ist dann quasi nicht mehr vermarktbar.
Umso besser! Das Gedankengut wirst Du so schnell auch nicht aus den Köpfen herausbekommen. Das wollen die natürlich weitergeben. Der Verfassungsschutz muss dringend etwas tun. Ist im Grundgesetz nicht festgehalten, dass wir angeblich eine „wehrhafte Demokratie“ sind?

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März 12th

Politik

Thomas Dietsch

Sukzessivadoption

Wenn es bei Stammtischen eines gibt, dann ist es das Phänomen, dass ihnen nie die Diskussionsthemen ausgehen. Ein Wiedersehen mit den beiden alten Herren birgt alles andere als Langeweile. Im Rentendasein hat man einfach die Chance, sich intensiv über Printwerk und Fernsehen über die Geschehnisse, die die Deutschen bzw. die Welt bewegen, zu informieren. Und, na ja, seit geraumer Zeit ist ja auch noch dieses Internet dazugekommen. Man ist ganz modern, googelt!

Wie Hans Horst zu berichten weiß, schimpfte ihn neulich seine Gattin Else mitten in einer interessanten Reportage aus. Sie war beim Staubwischen, entdeckte eine beachtliche Staubschicht auf dem doch nicht ganz so billigen Familienlexikon. Alle Ausflüchte nutzten nichts! Der Vorwurf des mangelnden Gebrauches der Buchreihe beruhte auf Tatsachen. Man(n) war überführt! Else hatte einen scharfen Verstand und eine gute Kombinationsgabe. Zog sie doch aus dem zustaubenden Nachschlagewerk und dem vernachlässigten Garten den Schluss, ihr Gatte sitze definitiv zu lange vor diesem Computer. Früher habe man solches Teufelswerk nicht gehabt, da zählte die Familienunterhaltung noch etwas. Angeblich habe Hans eine musikalische Begabung, wehrte sich aber seinerzeit vehement, Klavierstunden zu nehmen. Welche Verschwendung! Betrachte man, wie behände die Finger des Ehemannes über die Tasten dieses Computers flogen, könne man kaum glauben, dass diese nicht in der Lage sein sollten, auch ein Musikinstrument entsprechend zu streicheln. Die beiden lachen, prosten sich beim ersten Bier zu.

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Wir sprechen über Emanzipation

Man hört es wieder öfter in letzter Zeit: die Männer müssen sich emanzipieren! Ich stellte mir natürlich gleich die Frage, was die jetzt schon wieder von mir wollten. Emanzipation … Bis vor Kurzem hatten die Frauen noch damit zu tun. War ein hartes Stück Arbeit, muss man einfach mal zugestehen. Was ist dran an der Forderung? Hieß es noch vor einigen Jahren: „Wir sind genauso gut wie die Männer!“, was war jetzt angesagt? Sind die Männer schlechter geworden, müssen wir aufarbeiten? Oder vielleicht uns nur angleichen? Der Softy ist doch in manchen Kreisen gut angesehen. Der Horror jedes Mannes: Wo liegt die Grenze zum Weichkeks?

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Gedanken über ein Pontifikat

Benedikt XVI., er gilt als einer der intelligentesten, belesensten und gelehrtesten Päpste seit langem. Die Erwartungen waren groß, als er 2005 in sein Amt gewählt wurde. Ist es ihm gelungen, die Römisch-katholische Kirche in die Moderne zu führen?
Die grundlegendsten Überzeugungen, die er vertrat, hat er bereits als Joseph Kardinal Ratzinger und Leiter der Glaubenskongregation (früher Inquisition!) unter Papst Johannes Paul II. dargelegt.
Angefangen mit der Missionierung anderer Erdteile vertrat er die Ansicht, die Ureinwohner Mittel- und Südamerikas hätten die Mission herbeigesehnt. Angesichts der im Namen Gottes damals begangenen Verbrechen, u.a. Mord, Zerstörung von Kulturgütern und unwiederbringlichen Schriftzeugnissen, nicht zu vergessen die Plünderung der Schätze, hatte sich bereits sein Vorgänger im Amt, Johannes Paul II., bei den dortigen Völkern entschuldigt. Schätzungen, will man sie glauben oder nicht, gehen davon aus, dass im Laufe der Jahrhunderte bis zu 70 Millionen Menschen dem Missionierungseifer der katholischen Kirche zum Opfer fielen. Es ist somit schwer, sich vorzustellen, dass die Betroffenen eine Mission irgendeiner Art, geschweige denn die, die vor Ort stattfand, mit Sehnsucht erwartet hatten. Es wäre klüger gewesen, den Kurs des Vorgängers weiterzuverfolgen.

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Frau Doktor

Frau Doktor

In der Zeitung steht, die Schavan sei zurückgetreten. Also, das in dem Merkelkabinett! „Bäumchen wechsle Dich“! Die müssen aufpassen, dass es zu keinem Dominoeffekt kommt. Wenn der richtige Stein mal fallen sollte, geht das schief …
Was soll da schiefgehen? Die Olle hat das im Griff. Minister oder Ministerinnen mit einem Makel kannst Du nicht in der Regierung lassen. Das Amt darf keinen Schaden nehmen. Hat die Schavan gesagt; stand auch in der Zeitung. Übrigens seit kurzem ja nicht mehr „Frau Doktor Schavan“, sondern nur noch lapidar: „Frau Schavan“!

Ja klar, alles im Griff! Das Amt ist alles, Du bist nichts! Was?! Hast Du mal über das Schicksal von der Schavan nachgedacht. Nach all den Jahren seit 1980 jetzt ein Tritt in den Hintern, Titel weg, Berufsabschluss weg und nicht zuletzt: Amt weg! Schöne Aussicht für die Rente … Wieso hat die jetzt plötzlich auch keinen Berufsabschluss mehr? Weißt Du Näheres?
Das nennt sich grundständige Promotion. Die hat vorher keinen Magisterabschluss gemacht. Die Promotion ersetzt diesen quasi. Das ist heute, vielleicht zum Glück, nicht mehr möglich. Es gab da mal Karl Larenz, einen Juristen, gestorben 1993. Der hatte nach dem Ersten Staatsexamen gleich promoviert und sich habilitiert, ohne je das Zweite juristische Staatsexamen abgelegt zu haben. Das war so ähnlich.
Aha, ist ja ein Ding! Gibt´s heute nicht mehr?! Dann hätten wir, wäre die Schavan im Amt geblieben, ja an der Spitze des Bildungsministeriums quasi eine Abiturientin ohne Berufsabschluss gehabt. Prost Mahlzeit!

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