Lars Anders: Der dunkle Engel
Der dunkle Engel
Das dumpfe Dröhnen der Bässe klang durch die rauchgeschwängerten Räume des Clubs. Es roch nach einer seltsamen Mischung aus Trockennebel, Zigarettenrauch und Schweiß. Ich stand abseits der Tanzfläche in einer dunklen Ecke und ließ meinen Blick über die sich im blitzenden Stroboskoplicht ruckartig bewegenden Gestalten schweifen. Mein Cocktailglas krampfhaft umklammernd lehnte ich mich möglichst lässig an die Wand und tat so, als würde ich dazu gehören – als wäre auch ich einer jener ausgelassen feiernden Gothics, die in ihrer schwarzen Kleidung und den schrillen Frisuren den Abend sichtlich genossen. Ich blickte an mir hinunter und runzelte die Stirn. Meine Kleidung war zumindest nicht unbedingt dazu angetan, mir ab zu kaufen, dass ich einer von ihnen war. Zwar trug ich einen schlichten, schwarzen Pullover, und meine Beine steckten in ausgebeulten schwarzen Jeans. Aber spätestens meine weißen Turnschuhe outeten mich endgültig als Außenseiter. Mal wieder!
Ich war immer der Außenseiter, egal wo ich mich gerade befand! Stets belächelt von den anderen, schien mit mir niemand so recht etwas anfangen zu können. So war es schon in der Schule gewesen. Immer galt ich als Sonderling ohne großen Freundeskreis. Irgendwann begann ich mich lieber in die digitale Scheinwelt von Computerspielen zu flüchten, als ständig von meinen Mitmenschen abgewiesen zu werden. So kam es, dass ich schon während meiner Zeit als Grundschüler Stunde um Stunde vor dem Bildschirm verbrachte und spielte oder programmierte. Auf diese Weise eignete ich mir ein Spezialwissen an, das zu einer Zeit, als Computer für die meisten Menschen noch ein Fremdwort war, seinesgleichen suchte. Später machte ich dann sogar meine Leidenschaft zum Beruf und wurde Spieleprogrammierer. Ich war das, was man gemeinhin als Nerd bezeichnete.
