Archive Impressionen eines Fahrgastes

Lars Anders:Impressionen eines Fahrgastes (16)

Impressionen eines Fahrgastes XVI

Sie sitzen mir gegenüber. Ihre Gesichter sind ausdruckslos und starr, als ob sie aus Marmor gemeißelt wären. Ihre glasigen Augen scheinen einen Punkt irgendwo hinter mir zu fixieren. Auch reden sie nicht, sondern ziehen sich in die Schweigsamkeit ihrer selbst gewählten Anonymität zurück. Selbst ich bin einer von ihnen, bin anonym, schweigsam und starre ins Leere. Und so sitzen wir alle im Zug nur einen Schritt voneinander entfernt. Doch genauso gut könnten es Lichtjahre sein, die uns trennen.

Die Bahn hält, die Türen öffnen sich und neue leere Gesichter ergießen sich einer Flut gleich in die U-Bahn. Ich bemerke eine Bewegung neben mir aus den Augenwinkeln. Jemand hat sich auf den freien Platz rechts von mir gesetzt. Auf einmal ertönt eine Stimme. Es ist die raue Stimme einer nicht mehr ganz jungen Frau. Die Worte scheinen nur so regelrecht aus ihr hervor zu sprudeln. Sie spricht schnell und undeutlich.
„Meine Schwester, die sollten sie mal sehen. Meine Schwester und ihr Hund, die sind wirklich unmöglich, sage ich ihnen.“

weiterlesen »

Lars Anders: Impressionen eines Fahrgastes (15)

Impressionen eines Fahrgastes XV

Die dunklen Wolken hängen drohenden Schatten gleich über der Stadt und verbannen den strahlenden Sonnenschein, der wenige Momente zuvor noch die Straßen erleuchtet hat, ins Reich der Erinnerung. Schon fallen die ersten Tropfen platschend auf die staubigen Pflastersteine und ein fernes Donnergrollen ertönt. Ich beschleunige meine Schritte in dem Versuch, trotzdem noch trockenen Fußes den rettenden Eingang zur U-Bahnstation zu erreichen. Schon sehe ich in der Ferne das blau leuchtende U-Bahnschild im dämmrigen Zwielicht des herannahenden Gewitters, als die Schleusen des Himmels sich öffnen und einen heftigen Platzregen auf mich niedergehen lassen. Als ob dies noch nicht genug wäre, zerreißt kurz darauf ein Blitz den wolkenverhangenen Himmel Ich beginne zu rennen und erreiche schließlich triefend nass den rettenden Eingang. Meine Schuhe geben ein seltsam matschendes Geräusch von sich, während ich die ausgetretenen Stufen zum Bahnsteig hinuntergehe.

weiterlesen »

Lars Anders: Impressionen eines Fahrgastes (14)

Impressionen eines Fahrgastes XIV

Bist 900 Jahre alt, wirst aussehen Du nicht gut!
[Yoda, Jedimeister] 1)

„John drückte sich in den dunklen Schatten jenseits des großen Felsens und versuchte möglichst flach zu atmen. Seine Augen irrten angstvoll über die rissige Höhlendecke. Langsam näherte sich der flackernde Schein einer Fackel seiner Position und tauchte den engen Gang in ein gespenstisches Licht. Schatten tanzten über die grob behauenen Wände. Rasselnd und klirrend näherten sich Schritte schwer gerüsteter Männer und zerrissen die seit Jahrhunderten in diesem Gewölbe herrschende Stille wie einen Seidenvorhang. John umklammerte krampfhaft den Griff des an seiner Seite hängenden Schwertes. Seine Fingerknöchel traten vor Anstrengung weiß hervor. Nur noch wenige Schritte und ….“

weiterlesen »

Lars Anders:Impressionen eines Fahrgastes (13)

Impressionen eines Fahrgastes XIII

Das monotone Rattern der stählernen Räder auf den Schienen übt eine geradezu hypnotische Wirkung auf mich aus. Das auf meinen Knien liegende Buch ignorierend starre ich aus dem Fenster, obwohl es dort draußen außer der Schwärze des Tunnels nichts weiter zu sehen gibt. Mein eigenes Spiegelbild starrt mir bleich und übernächtigt von der Glasscheibe des gegenüberliegenden Fensters aus entgegen. Es ist Montagmorgen und ich bin die Nacht zuvor mal wieder viel zu spät ins Bett gegangen. Irgendwo am Rande meines halbwachen Bewusstseins bekomme ich mit, wie der Zug in den nächsten Bahnhof einfährt und die Türen sich mit einem hydraulischen Zischen öffnen.

Als sich die Bahn wieder ruckend in Bewegung setzt, drohe ich erneute in meinen tranceähnlichen Zustand zu verfallen, der irgendwo zwischen Wachen und Schlafen angesiedelt ist. Auf einmal ertönen direkt neben mir die schiefen Töne eines Akkordeons. Ich gucke erschrocken auf. Im Gang unweit meines Sitzplatzes steht ein breit gebauter Mann mit grau melierten Haaren, der mit großer Hingabe sein Akkordeon bearbeitet. Der Eifer des Mannes mag bewundernswert sein. Sein Können ist es nicht. Nur mit sehr viel Fantasie kann man in den Tönen, die der Musiker aus seinem Instrument herausquetscht, ein bekanntes russisches Volkslied erkennen. Ich verdrehe entnervt die Augen.

weiterlesen »

Lars Anders: Impressionen eines Fahrgastes (12)

Impressionen eines Fahrgastes XII

Schon von weitem höre ich die ausgelassenen Gesänge durch die unterirdischen Gänge hallen. Kaum habe ich die letzten Stufen zum Bahnsteig überwunden, strömt mir auch schon eine schwarz-rot-goldene Menschenmasse entgegen, die fröhlich fahnenschwenkend dem Ausgang entgegenstrebt. Sie tragen Hüte, Perücken, T-Shirts und andere Kleidungsstücke in den Landesfarben. Einige von ihnen haben sich sogar schwarz-rot-gold geschminkt. Fröhlich verschiedene Fangesänge intonierend, eilen sie an mir vorbei. Wahrscheinlich sind sie auf dem Weg zum nächsten Fan-Lokal, um das nächste Spiel ihrer Fußballnationalmannschaft gemeinsam beim Public-Viewing zu genießen. Obwohl ich mir überhaupt nichts aus der gerade stattfindenden Fußball-EM mache, kann ich mir ein Lächeln nicht verkneifen.

weiterlesen »

Lars Anders: Impressionen eines Fahrgastes (11)

Impressionen eines Fahrgastes XI
 
Das hektische Blinken der Anzeigetafel über den Köpfen der Fahrgäste scheint die unruhige Stimmung auf dem Bahnsteig wieder zu spiegeln. Seit zehn Minuten kündigt sie nun schon die Einfahrt des nächsten Zuges an. Zehn Minuten, in denen sich der Bahnsteig mehr und mehr mit Wartenden füllt, ohne dass ein Zug auftaucht. Ein unzufriedenes Murmeln aus hunderten von Kehlen liegt in der Luft.

Ich ziehe mich in eine Ecke des Bahnhofes zurück, in der bislang nur wenige Menschen warten und schaue mich um. Mir gegenüber steht ein Mann im eleganten Geschäftsanzug. Seine rechte Hand umfasst eine ledernde Aktentasche. In der Linken hält er einen Tablet-PC, als ob er eine Trophäe in der Hand halten würde. Eine Haltung, die das Lesen auf dem Gerät sicherlich erschwert, es aber jeden der Umstehenden ermöglicht, das Firmenlogo mit dem angebissenen Apfel auf der Rückseite des Tablets zu bewundern. Ich seufze und runzele die Stirn. Ich konnte den Hype, der um die Apple-Produkte noch immer gemacht wird, nie verstehen.

weiterlesen »

Lars Anders: Impressionen eines Fahrgastes (10)

Impressionen eines Fahrgastes X

Undurchdringliche Dunkelheit umfängt den dahinrasenden Zug von allen Seiten. Fast scheint es, als hätte die Welt außerhalb der Fenster aufgehört zu existieren. Erst als die Bahn um eine Biegung fährt, tauchen in der Ferne auf einmal die Lichter des nächtlichen Berlins auf, die wie ein Band glitzernder Edelsteine die Finsternis der Nacht durchdringen. Ich blicke neben mich, wo meine Freundin friedlich auf ihrem Sitz eingeschlafen ist. Der Anblick ihres schönen Gesichtes erwärmt mein Herz. Einmal mehr merke ich, wie sehr ich sie liebe.

weiterlesen »

Lars Anders: Impressionen eines Fahrgastes (9)

Impressionen eines Fahrgastes IX

Ihre Stimmen hallen laut über den leeren Bahnsteig, auf dessen dreckigem Asphalt einige alte Zeitungen träge in der Zugluft flattern. Es sind aufgebrachte Stimmen, die in eine hitzige Diskussion vertieft sind. Ich stehe hinter einer mit Graffitis beschmierten Säule und blicke prüfend den Bahnsteig hinab. Einige Schritte von mir entfernt stehen zwei Männer im kalten Licht der Neonröhren. Sie gestikulieren wild, während sie ihr Streitgespräch fortsetzen.

„Und ick sag dir, es gibt keine durch den Menschen verursachte Klimaerwärmung“, sagt der Ältere von beiden mit einem energischen Unterton in der Stimme. „Dit is’ alles nur eine von Staat und Industrie propagierte Lüge. Eine Ausrede, um uns höhere Steuern aufzubrummen und teure Produkte anzudrehen.“
Der andere schüttelt nachdrücklich den Kopf und antwortet mit erhobenem Zeigefinger „Es ist erwiesen, dass die Durschnittstemperaturen weltweit schon seit Jahrzehnten steigen. Das kann niemand leugnen!“

weiterlesen »

Lars Anders: Impressionen eines Fahrgastes (8)

Impressionen eines Fahrgastes VIII

Ich versuche zu lesen, doch das ruhelose Flackern der Neonröhre über mir taucht die Seiten meines Buches in ein stroboskopartiges Lichtgewitter. Entnervt blicke ich auf den elektronischen Plagegeist über mir, der mit summenden Geräuschen immer wieder kurz aufleuchtet, nur um gleich darauf wieder zu verlöschen. Ärgerlich klappe ich mein Buch zu und schaue mich in dem nur mäßig gefüllten U-Bahnzug um. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, mich einfach auf einen anderen Platz zu setzen, als mein Blick an zwei in der Decke des Zuges eingelassenen Monitoren hängenbleibt, über die die aktuellen Nachrichten aus Wirtschaft und Politik flimmern.

weiterlesen »

Lars Anders: Impressionen eines Fahrgastes (7)

Impressionen eines Fahrgastes VII

Dunkle Wolken ballen sich am Himmel über der Stadt zusammen und verdrängen das freundliche Blau, das wenige Minuten zuvor noch die Herzen der Menschen erhellt hat. Die letzten Strahlen der weichenden Sonne spiegeln sich silbern auf der gläsernen Kuppel des Reichstagsgebäudes. Ein fernes Grollen kündigt das Nahen eines Gewitters an. Ich stehe auf dem Bahnsteig des S-Bahnhofs Friedrichstraße und blicke gelangweilt zu dem wilhelminischen Gebäude hinüber, dessen Umrisse sich düster vor dem wolkenverhangenen Himmel abzeichnen.

Mein Blick schweift über die Menschen, die dicht an dicht stehend auf die Ankunft des nächsten Zuges warten. Nicht wenige haben sich in die aktuellen Ausgaben diverser Tageszeitungen vertieft. Tageszeitungen, deren zum Teil Seiten füllende Überschriften und sensationslüsterne Schlagzeilen sie zweifelsfrei als Erzeugnis eines Berliner Verlages identifizieren, dessen Gründer vor kurzem Einhundert Jahre alt geworden wäre: Der Springer-Verlag, dessen Tageszeitungen BILD und BZ im Berliner Straßenbild allgegenwärtig sind. An beinahe jeder Ecke wird man mittlerweile von großflächigen Werbeplakaten bedrängt, auf denen Prominente ihre angeblich unverfälschte Meinung zur BILD-Zeitung kundtun.

weiterlesen »

Lars Anders: Impressionen eines Fahrgastes (6)

Impressionen eines Fahrgastes VI

Das tiefe Brummen des Motors lässt die Gespräche der anderen zu einem leisen Murmeln verblassen. Meine Finger trommeln nervös auf dem vor mir auf meinen Knien liegenden Rucksack herum. Die Augen irren ziellos über die am Busfenster vorbei gleitenden Häuser. Meine Aufregung scheint unwillkürlich auf die anderen Fahrgäste überzugreifen. Ein auf dem Schoß seiner Mutter neben mir sitzendes Kind fängt an herum zu strampeln und zu schreien. Der mir gegenüber sitzende Mann beginnt nervös an seinen Fingern herum zuspielen.

Die Bahn hatte Verspätung und ich erwarte dringend ein Paket! Der Grund für meine Aufregung mag banal erscheinen, doch jeder Berliner, der in den letzten Jahren schon einmal das zweifelhafte Vergnügen hatte, auf eine Lieferung durch den Paketboten angewiesen zu sein, kann meine Anspannung nachvollziehen. Der Berliner Paketbote ist ein sehr scheues Wesen und nur selten in freier Wildbahn anzutreffen. Zumeist wandelt man lediglich auf seinen Spuren, die er in Form von gelben Paketabholkarten an zumeist äußerst schwer einsehbaren Orten hinterlässt. Versehen mit handschriftlichen Angaben, die jedem Graphologen die Tränen in die Augen treiben würden, sollen diese winzigen Formulare einem den Weg zur heiß begehrten Paketsendung weisen.

weiterlesen »

Lars Anders:Impressionen eines Fahrgastes (5)

Impressionen eines Fahrgastes (V)

Es ist spät geworden. Die Nacht hat sich bereits über die Dächer der Stadt gesenkt. Mühsam blinzeln einige Sterne durch die lockere Wolkendecke. Der hell erleuchtete S-Bahnhof Schöneberg thront wie eine Insel des Lichts im dämmrigen Halbdunkel des Häusermeeres. Träge kriechen die Zeiger der großen Uhr, die über dem fast menschenleeren Bahnsteig hängt, über das Ziffernblatt.


weiterlesen »