Wenn wir Alte Lust darauf haben…
Wenn wir Alte Lust darauf haben…
Das Leben kann bekanntlich äußerst ungerecht sein. Da wachsen im Laufe der Lebensjahre die Anforderungen, obwohl es mit dem Alter immer schwieriger wird, ihnen zu genügen. Und ausgerechnet jene Lebensphase, in der wir uns eigentlich in aller Gelassenheit ausruhen wollten, wird zum stressreichen Unruhestand.
Besonders jüngere Zeitgenossinnen und Zeitgenossen – kommen unschuldig lächelnd auf uns zu. Sie hätten sich so gedacht, wir würden doch jetzt als Ruheständler über ausreichend Zeit verfügen, um uns endlich einem wirklich sinnvollen Ehrenamt zu widmen. Gerade im sozialen oder kulturellen Bereich sei die Mitarbeit ausgesprochen erfahrener Fachleute gefragt. Und genau da würde jetzt unser Engagement noch fehlen.
Oder die Kinder, die durch unser erzieherisches Bemühen endlich erwachsen und eigenständig sind, meinen, wir dürften uns jetzt keinesfalls überflüssig fühlen. Daher bringen sie uns so oft wie möglich die Enkelkinder vorbei. Die sind, der Zufall wollte es, gerade in jenem ersten Flegelalter, das unsere Nerven bereits einst bei den eigenen Kindern heftigsten Zerreißproben aussetzte. Und selbstverständlich erwarten die lieben Kleinen und deren überlastete Eltern, dass wir uns freuen. Schließlich freuen sich die Kleinen doch auch, bei Oma und Opa zu übernachten und verwöhnt zu werden. Und wer kann schließlich seinem Enkeltöchterchen wirklich böse sein, wenn es nachts gegen halb vier, da wir ohnehin unter altersbedingten Schlafstörungen leiden, in unser Bett kriecht und uns die eiskalten Füßchen in den Bauch rammt?
Natürlich hören wir immer wieder gern, wie jung wir noch aussehen und wie absolut fit und rüstig wir wirken, selbst, wenn die Komplimente ausschließlich darauf abzielen, der jüngeren Generationen noch weitere nicht gerade bescheidene Wünsche zu erfüllen. Im Übrigen wären wir ohnehin froh gewesen, bis zum Siebenundsechzigsten oder vielleicht noch ein paar Jährchen länger arbeiten zu dürfen. Wer soll denn sonst unsere Renten noch solidarisch mitfinanzieren? Zum alten Eisen gehören will schließlich keiner, obwohl es bei fast allen größeren und kleineren Bewegungen schon einmal hier und da zwickt. Nun gut, es gibt erfolgreiche Schmerztherapeuten. Nur ausgerechnet unser Hausarzt weiß uns an keinen erfolgreichen zu überweisen.
Nicht selten ärgern wir uns über Jugendliche, die keinen Bock zu gar nichts haben. Aber wären wir nicht manchmal nur deswegen gern noch einer von ihnen? Gelegentlich könnten wir doch vor Neid platzen, da wir nicht einfach spätpubertär (und deswegen verständlich) null Bock auf Nichts haben dürfen.
Ach, wäre doch der alte preußische Spruch, Ruhe sei die erste Bürgerpflicht, (obwohl er anders gemeint ist) auch für den so genannten Altersruhestand gültig!
Würde jener Spruch vorab gelten, sträubten wir uns sicherlich nicht gegen eine Vielzahl willkommener Abwechselungen. Denn Lust hätten wir schon darauf, aber nur wenn wir Lust darauf haben. Und dann könnte sogar ruhig die eine oder andere lästige Pflicht dazu kommen.
© Karl Feldkamp

Freue mich über die Veröffentlichung. Danke.