Warum so viel Angst, Herr Putin?

Die Punkgruppe Pussy Riot wurde für schuldig erklärt. Die Musikerinnen Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Alechina und Jekaterina Samuzewitsch werden zwei Jahren in einem Lager verbringen müssen. Ihre Sünde: sie haben in einer Moskauer Kirche ein Lied gegen Wladimir Putin gesungen. Das wurde als Gotteslästerung eingestuft und soll, aus der Sicht der orthodoxen Obrigkeit, als solche bestraft werden. Was als eine Aktion gegen den Staatspräsidenten gedacht war, wurde als Sakrileg betrachtet. Das zu den Fakten.

Ich frage mich, warum die Machthabern solch eine Angst vor drei jungen Frauen haben, die sich eine eher harmlose Provokation erlaubt haben. In der Punk-Kultur gehört das schon längst zum Image. Für uns keinen Grund, sich übermäßig aufzuregen. Mich wundert es, dass Wladimir Putin und seine Leute solch einen Zwischenfall so hoch stilisieren. Das zeigt für mich, dass das Regime höchst verunsichert ist; dass der Druck der Opposition ihm stark zugesetzt hat. Eine Falle wurde ihm gestellt in die es plump hinein trat. Hätte es diese Aktion mehr oder weniger ignoriert, wäre das ein Zeichen der Souveränität gewesen. Nicht aber so. Würden junge Frauen nicht die Schärfe „des Gulags unserer Zeit“ erfahren müssen, könnte man den Machthabern nur ein ironisches Lächeln schenken.

Was sich hier abspielt erinnert leider an die schlimmsten Zeiten der kommunistischen Herrschaft. Jeder Oppositionelle wurde verfolgt, eingesperrt, gefoltert. Jede Stimme auf der schlimmste Art unterdrückt. „Das kann doch nicht Ihre Absicht sein, Herr Putin?“ Ausgerechnet er, der immer wieder betont, wie demokratisch er handelt, entpuppt sich als Unterdrücker. Seine Liberalität wurde mehrfach von Altbundeskanzler Gerhard Schröder gelobt. Sein lieber Freund im Kreml würde keine böse Absichten hegen. Na ja! So kann man es sehen, wenn man verblendet ist. Was ist hier geschieht, ist ein Zeichen der Schwäche. Wenn die Politik mit Hilfe der Justiz Andersdenkende verfolgt, ist das der Beweis, dass das Fundament stark erschüttert ist. Das Muskelspiel ist nur eine Tarnung. Sehr viel mehr ist solch eine Haltung der Beweis, dass er bergab geht. Das wollen die Betroffenen nicht wahr haben.

Der gute Freund von Wladimir Putin, Baschar al Assad, zeigt, wie es gehen kann, wenn erhebliche Teile des Volkes nicht mehr hinter dem Präsidenten stehen. Es kommt zuerst zu friedlichen Protesten, die durch die Staatsmacht unterdrückt werden. Schon ab diesem Augenblick ist „der Wurm drin“. Je härter verfahren wird, desto größer die Gefahr einer Eskalation. Was daraus entsteht, sehen wir in Syrien. Es kommt zum Bürgerkrieg. Es ist zu befürchten, dass Russland vor sehr harten Zeiten steht. Noch immer ist die Zentralmacht so stark, dass sie den Protest unterdrücken kann. Wie lange noch?

Mit der Verurteilung von Pussy Riot werden sehr viele junge Leute auf die Barrikaden steigen. Das hätte sich Wladimir Putin vorher überlegen müssen. Zu spät. Er hat es vorgezogen, die beleidigte Leberwurst zu spielen und erntet heute die Früchte dieser Haltung. Er hat der Opposition wieder Munition verschafft, weil er einfach nicht seine Eitelkeit unterdrücken konnte. An dieser Krankheit leiden viele Potentaten und gehen dadurch unter. Ich verstehe ganz einfach nicht, dass solch ein intelligenter Mann sich derart von seinen Emotionen leiten lässt. Würde er von sich etwas halten, hätte er sich niemals auf dieses Niveau herunter gestuft. Drei Gören bieten ihm Paroli und er lässt sich provozieren! Anstatt dies zu ignorieren, tappst er wie ein Bär in diese Pfütze. Nicht gerade stark.

Dieses Beispiel zeigt, was die Macht anrichten kann. Diejenigen, die sie genießen, verlieren sehr schnell die Übersicht. Sie sind von Paladinen umgeben, die nur Lob auf den Lippen haben. Kein Widerspruch. Sie betrachten sich deshalb als unersetzbar. Das ist eine große Gefahr für die Politik und hat sehr oft zu Katastrophen geführt. Wer sich für den Messias hält, kann keine Kritik ertragen. So scheint es mir bei Wladimir Putin der Fall zu sein. Das ist leider sehr menschlich und schwer zu unterdrücken. Der russische Präsident erstickt buchstäblich unter seiner Selbstachtung. Trotz seiner Qualitäten, wird er daran scheitern.
Das ist das Los von Menschen, die sich für etwas besseres halten. Sie leben unter der Angst, dass sie Schwäche zeigen könnten. Deshalb immer wieder der Versuch, sein Image durch Gewalt aufzupolieren. Dass dies der falsche Weg ist, hat die Geschichte immer wieder bewiesen. Eine Opposition durch Willkür still zu legen, ist ein unerreichbares Ziel. Die Verurteilung der Punkgruppe Pussy Riot wird für ihn viel mehr Schaden bringen als wenn er ein wenig mehr Zurückhaltung gezeigt hätte. Es ist der Beginn einer Evolution, die ihm nur Kummer zufügen kann. Wenn Putin politisch überleben möchte, braucht er die Unterstützung einer frei denkenden Jugend. Das hat er sich damit verspielt.

Ich muss zugeben, dass ich ziemlich ratlos vor dem Verhalten Wladimir Putin stehe. Es dringt ganz einfach nicht in meinem Schädel, aus welchem Grund immer wieder die gleiche Mechanismen angewendet werden. Wenn es im Kessel brodelt, muss Dampf abgelassen werden. Die Rolle eines Ventils ist von höchster Bedeutung. Wer das annimmt, zeigt nicht nur Weitsicht, sondern auch einen ausgetüftelten Sinn für Taktik. Er zeigt ganz einfach, dass er über den Dingen steht; dass er sich nicht provozieren lässt. Hat der Präsident nicht verstanden, dass Meinungen und Gedanken sich durch Panzer und Co. nicht eindämmen lassen? Und wenn ja, ist das eine veraltete Vorstellung.

Einige Zeit kann eine Leichenhausruhe entstehen, aber am Ende siegt immer der Widerstand. Diese Lehre ist für die Autokraten ein Dorn im Auge. Sie gehen immer von der Meinung aus, dass ihre Aura am Ende die Oberhand behält. Das ist keinesfalls eine Realität. Es wundert mich, dass Wladimir Putin das nicht erkannt hat. Sich derart wegen drei Punk-Sängerinnen in Verlegenheit zu bringen, ist mir ein Rätsel.

//pm

Zur Verurteilung der Gruppe Pussy Riot:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/kommentar-zum-urteil-gegen-die-pussy-riot-a-850673.html

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August 18th

Pierre Mathias

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