Mord an Kindern

Immer wieder Schlagzeilen, die mich höchst betroffen machen: im südfranzösischen Bessège wurde ein 8 Monate altes Baby von seinem Vater auf den Boden geschleudert und starb dabei. Der Grund: das Ehepaar hatte sich über Sonnencreme gestritten. Einfach so. Solche Nachrichten sind fast tagtäglich zu lesen. Was geschieht in den Köpfen der Täter? Stehen sie so unter seelischem Druck, dass sie beim kleinsten Hindernis gewalttätig werden? Ist das Nervenkorsett so dünn, dass sie sich nicht zusammenreißen können? In den meisten Fällen geschehen solche Taten im Affekt. Viele Parameter tragen dazu bei. Eine erhebliche Zahl an jungen Eltern ist überfordert. Die Sorge um das Geld, um den Job, den Herausforderungen des Alltags genügen zu können. Dazu die Verantwortung, die sie gegenüber den Kindern tragen; die Einschränkung der Freiheit; die Perspektive, für lange Jahre angebunden zu sein.

Was eine Freude sein sollte, wird manchmal zum Alptraum. Vor allem, wenn es finanziell nicht gut geht. Das zeigt, dass die jungen Ehepaare sehr viel mehr unterstützt sein sollten als bisher. Nicht nur eine praktische Zuwendung; auch psychischer Beistand ist von Nöten. Da die sozialen Einrichtungen völlig überfordert sind, kommen diese Hilfen viel zu spät. „Feuerwehr-Einsätze“ sollten durch eine effektive Begleitung vermieden werden. Es ist völlig klar, dass die Geburt eines Kindes einen großen Einschnitt bedeutet. Die Zuwendung der Mutter richtet sich zuerst auf ihr Baby; der Mann muss, was den Sexualverkehr angeht, zurückstecken. Ein ganz normaler Vorgang, der oft als Zurückweisung empfunden wird. Hier hapert es gewaltig, wenn es um die Aufklärung geht. Kein Wunder, dass Partnerschaften darunter sehr leiden und zum Bruch gehen können.

Gott sei Dank kommt es nur extrem selten zu Mord. Aber die Gewalt an Kindern ist leider gegenwärtig. Bedeutet das, dass unsere Gesellschaft nachwuchsfeindlich ist? Diese Behauptung ist mir zu pauschal. Ich würde eher sagen: gleichgültig. Der Materialismus trägt sicher eine Schuld daran. Er hat den Individualismus und den Egoismus forciert. Das hat zur Folge, dass die Solidarität sehr darunter gelitten hat. Man braucht nur das Verhalten in einem Mehrfamilienhaus als Beispiel zu nehmen. Oft beschränken sich die Kontakte zwischen den Mitbewohnern auf ein Hallo im Treppenhaus. Sehr viel mehr wissen die Leute nicht über ihre Nachbarn. Das könnte als Merkmal des Wohlstandes verstanden werden.
Aber hier ist ein positiver Trend zu verzeichnen. Hauptsächlich junge Familien haben verstanden, dass sie mit einem intensiveren Kontakt nur Vorteile ergattern könnten. Das geht von der Beaufsichtigung der Kinder bis zum Erfahrungsaustausch. Diese Umkehr wird durch die Zukunftsängste befördert. Wenn die Krise lauert, rückt man zusammen. Da können die Kinder nur davon profitieren. Spannungen können durchaus durch den Dialog gemildert werden. Das wäre der erste Schritt, der unternommen werden sollte, um Dramen zu verhindern.

Was wurde in sehr vielen Mordfälle an Kindern beobachtet? Oft handelt sich um Dramen der Einsamkeit. Wir haben es mit einer Menge von Menschen zu tun, die kontaktarm sind; die sich ganz einfach nicht öffnen können. Die Geburt eines Kindes zwingt sie, „ihre Burg“ zu verlassen. Sie empfinden diese Tatsache als eine Vergewaltigung ihrer inneren Sphäre. Das Kind wird zum Störenfried, auch so merkwürdig es erscheinen kann. Es wäre von größter Wichtigkeit, dass schon während der Schwangerschaft die Seele angesprochen wird. Das geschieht oft mangelhaft. Personen wie der Gynäkologe oder die Hebamme sind ganz einfach anders gepolt. Ihre Aufgabe besteht darin, praktische Probleme zu lösen. Es bleibt äußerst wenig Zeit für die Gespräche. Dazu kommt, dass sie dafür mangelhaft ausgebildet sind. Nette Worte langen bei weitem nicht aus; Durchhalteparolen werden als eine Zumutung empfunden.

Man geht generell davon aus, dass eine Geburt eine Freude sein soll. Das ist sie in den meisten Fällen aber nicht immer. Viele junge Paare fühlen sich noch nicht bereit. Sie haben kaum die Gelegenheit gehabt, sich richtig kennen zu lernen und schon meldet sich das Kind. Das erzeugt Ängste! Wird die Partnerschaft das aushalten? Ist man überhaupt reif, um sich um das Baby zu kümmern? Kein Wunder, dass es in Extremfällen zum Kindermord kommt. Die Last, die heute auf die Eltern zu kommt, hat sich verstärkt. Niemand kann damit rechnen, einen Job zu bekommen, der sich auf Jahrzehnte erstreckt. Eine ständige Unsicherheit entsteht, die sich in die Partnerschaft überträgt. Die Ängste bleiben nicht vor der Tür stehen. Wird der Nachwuchs darunter leiden, die bange Frage von besorgten Eltern? Dazu kommt, dass Kinder sehr verwöhnt sind; dass sie sich vom Materialismus einfangen lassen. Wenn zurückgeschraubt wird, entstehen wie bei den Drogen Entzugsprobleme. Der Druck auf die Eltern steigt und steigt und trägt nicht dazu bei, dass alles friedlich vor sich geht.

Es wäre illusorisch zu glauben, dass allein mit mehr gesellschaftlicher Fürsorge die Gewalt an Kindern aus der Welt geschafft werden könnte. Aber es würde der Sache dienen. Wenn Wärme vorhanden ist, sehen die Probleme ganz anders aus. Die Aussprache spielt in diesem Zusammenhang eine eminente Rolle. Ich habe zu wenig Details über die schreckliche Tat in Bessège. Ich kann mir aber sehr wohl ausdenken, dass einiges, was ich hier beschrieben habe, dort der Fall war. Unausgesprochene Spannungen, die dann in das Extreme münden. Die Sonnencreme ist nur die Spitze des Eisbergs. Sie verbirgt mit Sicherheit viel Verzweiflung, Entfremdung. Wenn es zu solchen Auswüchsen kommt, steht oft die Ehe oder Partnerschaft vor dem Zusammenbruch. „Wenn du mich verlässt, nehme ich dir das Wichtigste weg!“
Dass es sich oft um Kinder handelt, macht die Sache so dramatisch.

//pm

Link zum Thema Kindermord:

http://www.derwesten.de/staedte/dortmund/kindermord-nicht-mit-jugendamt-in-verbindung-bringen-id6962231.html

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August 10th

Pierre Mathias

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