Lars Anders: Impressionen eines Fahrgastes (14)

Impressionen eines Fahrgastes XIV

Bist 900 Jahre alt, wirst aussehen Du nicht gut!
[Yoda, Jedimeister] 1)

„John drückte sich in den dunklen Schatten jenseits des großen Felsens und versuchte möglichst flach zu atmen. Seine Augen irrten angstvoll über die rissige Höhlendecke. Langsam näherte sich der flackernde Schein einer Fackel seiner Position und tauchte den engen Gang in ein gespenstisches Licht. Schatten tanzten über die grob behauenen Wände. Rasselnd und klirrend näherten sich Schritte schwer gerüsteter Männer und zerrissen die seit Jahrhunderten in diesem Gewölbe herrschende Stille wie einen Seidenvorhang. John umklammerte krampfhaft den Griff des an seiner Seite hängenden Schwertes. Seine Fingerknöchel traten vor Anstrengung weiß hervor. Nur noch wenige Schritte und ….“

Ein Vorhang aus Haaren weht über die Seiten meines Buches und unterbricht mein Lesevergnügen im denkbar ungünstigsten Moment. In den neuen Berliner U-Bahnzügen, die nicht mehr der traditionellen Einteilung in einzelne Waggons folgen, sondern durchgehend begehbar sind, herrscht immer ein stetiger Luftzug. Dieser ist natürlich umso größer, je mehr Fenster des Zuges aufgerissen wurden. In Anbetracht der gerade in Berlin herrschenden Backofentemperaturen sind so gut wie alle Fenster geöffnet. Ich will mir gerade die Haare ärgerlich aus der Stirn streichen, um meine Lektüre fortzusetzen, als mein Blick auf ein einzelnes weißes Haar fällt, dass einem Leuchtfeuer gleich aus meiner ansonsten kastanienbraunen Mähne hervorsticht. Ich halte in der Bewegung inne. Ein weißes Haar? Jetzt schon? Ich bin doch noch nicht einmal achtunddreißig! Finster starre ich dieses böse, kleine Haar an, welches wie die Verkörperung des mittelalterlichen Memento mori vor meiner Nase hängt.

Bislang hatte ich es geschafft, sämtliche Hinweise auf mein fortschreitendes Alter zu ignorieren, obwohl sie sich in letzter Zeit zugegebenermaßen gehäuft haben. So ist mir als begeisterten Cineasten in den letzen Monaten des Öfteren aufgefallen, dass Filme, die ich meine, erst vor kurzem im Kino gesehen zu haben, bereits als Klassiker bezeichnet werden.
Geradezu erschreckend war für mich auch die Neuigkeit, dass es neben Achtziger-Jahre-Shows mittlerweile auch Neunziger-Jahre-Shows gibt, in denen den Jahrzehnten meiner Kindheit und Jugend (zu der ich offensichtlich nicht mehr gehöre) ein geradezu musealer Charakter verliehen wird, als ob es sich hierbei um das Zeitalter einer ausgestorbenen Zivilisation handeln würde: Eine Zivilisation, in der Kassetten anstelle von MP3-Playern verwendet wurden, in der Computer und Videospiele allenfalls Klötzchengrafik anstatt fotorealistischer, digitaler Welten boten und in der es vollkommen normal war, kein Handy zu besitzen.
Auch die Musik erinnert mich zu weilen daran, wie alt ich mittlerweile bin. Wenn ich heutzutage die Lieder der musikalischen Idole meiner Jugend in einen Club hören möchte, dann muss ich schon auf Ü30- oder 80er-Jahre-Partys gehen, damit der DJ diese Künstler überhaupt noch kennt.

Ich seufze lautstark, als ich mir eingestehen muss, dass ich nun wirklich nicht mehr zu den Jüngsten gehöre. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, dann galten bei uns Leute über zwanzig Jahre bereits als steinalt. Aus damaliger Sicht dürfte man mein heutiges Alter schon als benahe greisenhaft bezeichnen und meinen Gesundheitszustand irgendwo in der Nähe von scheintot ansiedeln. Aber die Zeiten haben sich geändert. Ich habe diese Altersgrenze schon vor fast zwei Jahrzehnten überschritten und fühle mich immer noch springlebendig und keinesfalls alt. Vielleicht sollte ich diesem unscheinbaren weißen Haar einfach nicht so viel Bedeutung beimessen.

Mit einer energischen Handbewegung streiche ich mir die Haare aus dem Blickfeld und sehe gerade noch aus den Augenwinkeln, wie das weiße Haar im durch die Bahn wehenden Luftzug tanzend davon schwebt. Fast scheint es als wollte es sich für all die negativen Gedanken, die ich ihm entgegengebracht habe, rächen und hätte sich dazu entschieden sich von mir zu trennen.

Ich blicke dem Haar mit einem mulmigen Gefühl nach. Haarausfall! Das kann ja heiter werden….

1) Yoda ist eine Figur aus George Lucas ScienceFiction Epos StarWars, welches Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre die Kinos eroberte.

© Lars Anders

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August 7th

Impressionen eines Fahrgastes

Lars Anders


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