Fun in Krisenzeiten?

Ich weiß nicht so recht, ob ich mich, während ich diese Zeilen schreibe, in Spanien gerne am Strand sonnen würde? Könnte ich es ganz einfach ignorieren, in welcher Not sich dort Millionen von Menschen befinden? Fast 25% der Bevölkerung ist arbeitslos; nahezu 50% der Jugendliche sind ohne Job. Eine kaputte Zukunft! Das ist irreparabel. Was sich da abspielt, wird Konsequenzen auf die neue Generationen haben. Und das Rad dreht sich unweigerlich in Richtung Niedergang: die Rezession frisst immer mehr Stellen weg; die Rentner haben zu viel um zu sterben, zu wenig um zu leben, ganze Familien werden in die Armut getrieben.

Das sind Fakten, die nicht so ohne weiteres an mir vorbei gehen können. Natürlich trage ich als Tourist etwas bei. Ich verhindere vielleicht, dass es noch schlimmer wird, aber kann es natürlich nicht garantieren. Das ist beklemmend. Da stellt sich die Frage, ob ich mich unter diesen Umständen überhaupt entspannen könnte? Und doch tickt Otto-Normalverbraucher anders. Wenn es um den „Fun“ geht, setzt er sich Scheuklappen auf. Mit dem Argument, dass er ohnehin nichts ändern kann, kann er ganz gut leben. „Nach mir die Sintflut! Wichtig ist es, dass ich mich ohne Hindernisse voll laufen lassen kann!“ Das ist die Mentalität, die auf dieser Welt üblich ist. Abenteuer-Urlaub in der Sahelzone; in den Slums von Brasilien… Voyeurismus von Tour-Operatoren gut organisiert. Arme Leute sind halt authentisch!

Ich habe Mühe das zu schlucken. Genauso wie die Luxusschuppen, die unmittelbar in der Nähe von Elendsvierteln erbaut worden sind. Überschuss bis zum geht nicht mehr neben Menschen, die qualvoll verhungern. Und dann unentwegt Berichte über den Jet-Set; über Knallfiguren, die nur Leere vermitteln. Arroganter Reichtum, der aller Welt gezeigt wird. Das Unerreichbare! Und dann: um sich ein Platz im Paradies zu verschaffen, die Wohltätigkeit! Oft unerträglich, wenn es nur um das Image geht. Nein, das lehne ich ab. Sowie die Fun-Gesellschaft, die sich total daneben benimmt. Sehr oft Neureiche der ordinärsten Gattung.

Bedeutet das, dass ich meinen Spaß nicht haben will? Irrtum, ich bin kein Asket, aber ich will ihn nicht auf dem Rücken der Armen haben. Es fällt mir schwer zu feiern, wenn ich weiß, dass Menschen leiden. Und doch mache ich es, weil ich keinen anderen Ausweg finde. Wenn ich nur Trübsal blasen würde, fände ich die Energie nicht, etwas für mich und meine Nächsten zu leisten. Auch ich habe ein Anrecht auf Entspannung. Zugegeben, ich lebe somit im Widerspruch zu mir selbst. Der Kopf diktiert mir, mich zurückzuhalten; mein Leib etwas ganz anderes. Mein Instinkt sagt mir, dass man nur mit ein wenig Freude überleben kann. Das haben Menschen in extremen Situationen bewiesen. Als Beispiel fällt mir immer das rege Kulturleben vom KZ Theresienstadt ein. Die Insassen wussten sehr genau, was mit ihnen geschah, aber das Leben war stärker. Bis zum bitteren Ende musizierten, malten oder schrieben sie. Das war Teil ihres Überlebenskampf. Ein tief verankerter Instinkt.

Wenn es so ist, wie kann ich mir erlauben, die Fun-Gesellschaft zu verdammen? Ich muss mir große Mühe geben, um halbwegs gerecht zu sein. Die erste Frage, die sich stellt: was versteht man unter „fun“? Ist das nur ein Mittel zu vergessen, vor welcher „Scheiße“ man sich befindet? Eine Ablenkung wie in den Städten, die im Mittelalter von der Pest heimgesucht wurden? Wie wir wissen, wurde dort wie verrückt gefeiert. Hurerei im großen Stil! Die Vorstellung, dass somit die Erreger der Epidemie besiegt werden können, war Selbstmord! „Alles wird gut!“. Von wegen! Nur Mist ist angesagt. Diese Haltung wiederholt sich immer wieder, egal in welcher Situation. Auch so seltsam es vorkommen kann, ist der Mensch auf positives Denken gepolt. Er findet immer die Kraft, sich Paradiese vorzustellen. Eine Fata Morgana! Aber ohne diese Hoffnung, würde er verkommen. Kein Wunder, dass das Geschäft mit der Esoterik und mit den Gurus boomt. Die ständige Suche nach dem Glück nimmt uns ganz und gar in Anspruch. Immer mehr, immer besser…

Und dann am Ende der Tod. Eine dreckige Angelegenheit, die nicht in die Fun-Gesellschaft passt. Eine Zumutung! Dem geht man aus dem Weg, wie der Armut auch. Diese Haltung erblindet uns und bringt neue Gefahren mit sich: das Unvermögen, sich effizient gegen die Widrigkeiten des Lebens zu wehren. Natürlich spielt die Politik mit, da sie ihre Wähler nicht verprellen will. Es wird nach Strich und Faden gelogen, um das Volk auf Trab zu bringen. Und wenn die Katastrophe doch kommt, sind es immer die Anderen, die dran Schuld sind. Ich habe heute den Eindruck, dass wir um das goldene Kalb tanzen ohne zu merken, dass es schon längst geschlachtet worden ist. Ganz schön bescheuert, nicht wahr?

Ich werde mich hüten, die Fun-Gesellschaft abzuschaffen. Erstens fehlen mir die Mittel dazu und zweitens würde ich einen totalen wirtschaftlichen Zusammenbruch damit verursachen. Luxus bringt sehr viel Geld ein. Eine Tatsache, die ich keineswegs ignorieren darf. Viel mehr geht es mir darum, das Erwirtschaftete besser zu verteilen. Den Bedürftigen am Kuchen teilnehmen zu lassen. Das sind wir uns selbst schuldig. Ich weiß, dass das nur ein Traum sein kann. Die Gattung Hai ist leider omnipräsent. Sie hat keine Hemmungen, alles aufzufressen, was sich auf dem Weg befindet. Was wir erleben ist ein Schlachtfest und wie wir wissen, haben die Opfer null Chancen. Sie sind zum Verrecken verdammt. Gesindel, das wie Ungeziefer vernichtet werden soll. Das geschieht tagtäglich ohne dass wir einen Finger heben. Wir werden uns den Spaß wegen solcher Lappalien doch nicht vermiesen lassen! Ab zur Mega-Party! Es lebe der Fun!
Fuck you!

//pm

Link zum Thema Misere in Spanien:

http://www.welt.de/print/welt_kompakt/print_wirtschaft/article108420803/Spanien-steckt-tief-in-der-Rezession.html

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August 1st

Pierre Mathias

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