Einschränkte Mobilität

Nein, ich möchte kein Mitleid erzeugen, aber es ist mir gestern etwas passiert, das mir die Augen geöffnet hat, wenn es um die Frage der Mobilität geht. Ich bin am Genfersee, auf französischer Seite, mit meinem Hund Lupo schwimmen gegangen. Meine Frau saß am Ufer und beobachtete uns. Nach einer Weile kamen wir zum Ufer zurück. Anstatt über eine Leiter festen Boden unter die Füßen zu bekommen, wählte ich eine andere Route. Sie ging über eine glitschige Rampe, die zuerst als angenehmer betrachtet werden konnte. Irrtum: ich glitt aus und verletzte mir dabei den linken Fuß und den rechten Knie. Mit größter Mühe konnte ich über die Felsen die Sitzbank erreichen, wo Monique saß. Es war äußerst schmerzhaft.
Nur mit größter Qual kam ich zum Auto. Ich hatte große Angst, dass ich nicht in der Lage sein würde, zu fahren. Meine Frau hat keinen Führerschein. Wie würde ich nach München zurückkommen? Wie es bei mir oft der Fall ist, wollte ich das Ganze ignorieren. Erst drei Stunden später besuchte ich ein Krankenhaus. Gott sei Dank kein Bruch aber höllische Schmerzen.

Diese Geschichte ist sicherlich banal, nicht aber für mich. Das erste Mal seit 66 Jahren war ich auf Krücken angewiesen. Vor jedem Schritt muss ich mir die Frage stellen, ob er überhaupt notwendig ist. Was ich bisher im Nu erledigen konnte, ist seit einigen Stunden ein Kraftakt. Wie zum Beispiel, die Tür des Wohnzimmers zu öffnen, um meinen Hund rein zu lassen. Jetzt wird es mir klar, was Millionen von Gehbehinderte wirklich durchmachen. Nicht wie bei mir, bei dem eine rasche Genesung programmiert ist. Nein, sie müssen sich ihr ganzes Leben neu ausdenken. Wie können sie den Einkauf von Esswaren meistern? Wo werden sie ihren Wagen parken, um nicht all zu lange Wege zu machen? Dazu die ganze Spontaneität, die flöten geht, weil es bei der U-Bahn oder im Kino keine Behinderten gerechte Einrichtung gibt! Eine drastische Einschränkung der Lebensqualität!

Das ist ein Lernprozess der besondere Art. Die Erkenntnis, dass ein völlig undramatisches Vorgehen den Alltag ändern kann. Auf einmal ist man ungeschickt; nicht in der Lage, Dinge zu erledigen, die sonst eine Lappalie sind. Auch wenn ich bisher immer Stellung für Menschen eingenommen habe, die durch einer Krankheit oder einen Unfall nicht ganz einfach von A nach B gehen können, war das blanke Theorie. Durch meine momentane Behinderung habe ich gelernt, was das bedeutet. Auch das Verständnis, wenn Betroffene oft ungeduldig sind. Ja, ein paar Felsen haben dazu beigetragen.

In wenigen Tagen werden die Paralympics auf die Olympische Spiele in London folgen. Das ist das Treffen von behinderten Athleten, die Wunder vollbringen. Menschen, die nicht aufgegeben haben und durch überragende Leistungen der Welt beweisen, was überhaupt in ihnen steckt. Das verdient größten Respekt. Nicht nur! Auch die Erkenntnis, dass wir nicht zu oft jammern sollten. Es ist der Beweis, was der Geist vollbringen kann. Der Wille, Grenzen zu überschreiten, die von Grund aus unpassierbar erscheinen. Es zeigt, welche Substanz in den Lebenswesen steckt – die Tiere möchte ich nicht ausschließen. Auch die Tatsache, dass in einer Gesellschaft, in der nur das Gesunde und das Ästhetische gilt, ein Widerspruch ist.

Der Stellenwert, der nach Außen getragenen „Wellness“, widerspricht völlig der Realität. Der Mensch ist keineswegs ein perfektes Wesen, das durch sein Wohlbefinden dem Schicksal trotzt. Er wird durch Turbulenzen stark in Mitleidenschaft gezogen und muss sehen, wie er damit zu recht kommt. Das ist leider oft ein sehr einsamer Weg. Der Mangel an persönliche Zuwendung kann durch die Ängste verursacht werden, dass auch „Ich“ keine Ausnahme bin. Es braucht nur den Bruchteil einer Sekunde und schon wird das Leben in eine Bahn geworfen, die für jeden unvorstellbar war. Das zeigt, dass in einer Welt, die auf Perfektion getrimmt ist, andere Faktoren eine Rolle spielen. Trotz umfangreicher Technik sind Engpässe nicht vermeidbar. Dass sie zu bitteren Schicksalsschlägen führen, ist nicht auszuschließen. Diese Erkenntnis sollte jedem gegenwärtig sein. Von Kindheit an!
Es ist kein Zufall, dass die Montessori-Schulen darauf achten, dass in einer Klasse immer eine Zahl von Behinderten vorhanden sein sollte. Für die Kids der ständige Hinweis, dass davon niemand verschont bleibt. Immer wieder werden wir mit Beispielen konfrontiert, die Bewunderung verdienen. Wolfgang Schäuble könnte dazu gehören. Der Politiker bringt höchste Leistungen zu Stande trotz seiner Behinderung. Er zeigt, dass man nie aufgeben sollte und dass jeder eine Chance hat. Ist das wirklich so? Auch hier sind es nur Ausnahmen. Die Mehrheit muss mit einer gewissen Diskriminierung leben und sehen, wie sie dennoch durchkommt.

Trotz meiner kleinen Widrigkeit habe ich mir vorgenommen, so weiter zu machen als ob nichts sei. Klar, ich kann für einige Zeit nicht mehr die Tour mit meinem Hund machen; auch nicht schwimmen gehen, was mir im Grunde genommen so gut tut. Ich werde lernen müssen zu verzichten; nicht alles machen zu können, was in meinem Schädel so herumschwirrt. Zwangsläufig werde ich eine Wahl treffen müssen und das tut mir verdammt gut. Die Erkenntnis zu gewinnen, dass nicht alles klappen kann.

Dennoch habe ich mich entschlossen gegen den Strom zu schwimmen. Anstatt auf meinen Zustand zu achten, habe ich mich gegen den Willen meiner Gattin entschlossen, diesen Kommentar zu schreiben. Der Beweis für mich, dass ich trotz lädierter Beine etwas produzieren kann. Das bin ich mir ganz einfach schuldig! „Alles wird gut!“. Auch wenn ich dieses modische Wort völlig daneben finde, möchte ich heute früh, um 6 Uhr 10, daran glauben. In diesem Sinn!

//pm

Link zum Thema Behindertenfeindlichkeit.
http://de.wikipedia.org/wiki/Behindertenfeindlichkeit

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August 11th

Pierre Mathias

Pierre´s Special


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