Die Hundeschule

Die Hundeschule

Er knurrt im auf- und abschwellenden Rhythmus. Und dann schüttelt er sein Apportl, dass es ihm nur so um die rosigen Öhrchen patscht. Ein feiner Sprühregen umgibt ihn.
Der Putzi weiß ganz genau, was ein Hund alles macht. Muss er! Sein erklärtes Ziel ist schließlich, Wau-Wau sein. Jeden Tag. So oft's geht.
Ein Apportl gehört einfach ordentlich durchgeschüttelt. Wenn man dann will, dass es einem abgejagt wird, muss man richtig laut knurren. Der Strolchi und sein Fraule machen das oft. Und was die immer für eine Gaudi dabei haben!
Die Tante am Kaffeetisch fuchtelt mit der Kuchengabel. In sichtbarer Anstrengung drückt sie ihren Kuchenbissen durch den Schlund. Man hört ihren Bemühungen den festen Willen an, Kuchen und Rede auf dem schnellsten Weg aneinander vorbei pressen zu können. Der Kuchenbissen schlägt hörbar auf, mit der leeren Kuchengabel richtet sie eine Terz-Einladung gegen den Wau-Wau:

»Ach, iss DER süß! Zwei Jahre wara jetzt, oder?
Ääh, sachma, was hatta denn im Mund?«

Die Mamma schiebt sich vorsorglich noch einen Kuchenbissen in den Mund. Wer weiß, ob sie nicht gleich jede einzelne Zusatzkalorie benötigt. Als Mamma muss man ja ständig auf dem Quivive sein!
Die Kuchengabel der Tante schwebt wie festgefroren in der Luft. Immer noch in der Terz-Auslage.
Die Mamma würgt jetzt sehr speditiv. Gut, dass da so viel Schlagrahm drauf ist. Der beschleunigt den Vorgang spürbar. Der Aufschlag im Körperzentrum hört sich allerdings gradso dumpf an wie bei der Tante.

"Mmg-Ja! Und – wartma – neun Wochen! Zwei Jahre und neun Wochen issa.
Ja, was hatta denn im Mund?"

»Irgend so'n …. kleines Handtuch, oda so …? Unnass isses …! Wartma: N'Waschlappen könntas sein – haste denn so was?«

Die Mamma dreht sich so plötzlich auf ihrem Stuhl, dass sich der ein Stück mitdreht. Der Parkettboden protestiert gequält.
Ihr schwant was. Sie muss ihren Blick nur kurz fokussieren:

"PUTZIIII! Gibst du das der Mamma zurück! Aber SOFORT!"

Der Putzi fetzt los. Auf der kurzen Strecke ist er vierfüßig schneller als die Mamma mit zweien. Vor allem saust er unvorhersehbar auf die Mamma zu. Richtung Kuchentafel.
Die macht einmal "Huch". Der Putzi hat sich unter den Tisch gerettet. Da besteht kaum eine Chance, ihn drunter hervor zu fischen.
Sie schreit und lacht dann in Einem. Schimpft und jammert, wenn sie sich den Kopf anhaut und erzeugt immer eine Riesenstimmung!

"PUTZI! Gib aus! AUS!"

Die Mamma probiert's mit den Termini Technici der Haustier-Pädagogik.
Strolchis Fraule schreit das auch immer. Der Strolchi sieht jedoch überhaupt keine Veranlassung, diesen Weiberlaunen nachzukommen. Dann lacht das Fraule. Genauso wie die Mamma.

"PUTZI! KOMM ZUR MAMMA! HÖRST DU NICHT!"

Natürlich hört der Putzi. Er ist ja nicht taub – so, wie die Mamma jetzt schreit. Der Strolchi hört ja auch. Nur nicht auf diese dämlichen Anweisungen.
Die Mamma beugt sich unter den Tisch. Bis jetzt noch sitzend von ihrem Stuhl aus.
Der Putzi muss lachen. Beinah hätte er sein Apportl verloren. Er beißt in den Waschlappen, dass seine kleinen Milchzähne knirschen. Der soll ihm nicht auskommen!
Immerhin, die Mamma hat grad mit Mordsgetöse einen Stuhl erlegt. Halali! Maustot liegt der mit der Stuhllehne am Fußboden.
Die Tante spießt einem weiteren Stück Kuchen ohne Gnade die Kuchengabel ins Herz. Sie ist etwas empört. Und verwirrt zugleich:

»Sachma, warum kanna denn den blöden Waschlappen nich haben!
Okay, n'bisschen feucht issa noch ….«

Die Mamma hebt kurz den Kopf über den Rand der Tischplatte zurück. Ihre Frisur schaut nach Windstärke zehn und sie selber sehr erhitzt aus:

"Der, der, ddder iss doch …! PUTZI!!! Gib der Mamma den LAPPI!"

»Aba warum solla den nich haben, Mensch? Sachma?«

Die Tante wünscht unmissverständlich eine Erklärung. Gedankenverloren sticht sie auf ihr Kuchenstück ein. Ein paar Brösel spritzen ihr diskret aus dem Mund.
Wieder taucht die Mamma unterm Tisch hervor. Sie sitzt nicht mehr auf dem Stuhl.
Unter dem wieselt der Putzi durch – in die relative Sicherheit.

"Dasiss mein …! Mensch! DER ISS VOM KLOOO! CAPISCE!"

Mammas Stimme schwingt sich in schwindelnde Höhen.
Die Tante stutzt. Sie schluckt Halbgekautes, würgt an Halbverdautem und prustet los. Der Bröselschauer fällt diesmal sehr reichhaltig aus.
Sie findet endlich zu einer Lachpause und hält die Kuchengabel wie eine Banderilla:

»Sach bloß! Und mit dem wischde dir ….«

Die Tante fällt in ihren Lachkrampf zurück.

"JA! Mit dem WISCH ICH DIE …!!
PUTZI! GIB DER MAMMA DEN LUMPI!"

Mammas Stimme kippt endgültig um. Die Koda hört sich an wie bei einen Seehund.
Wieder hat der Putzi den Raum unter dem Tisch gekreuzt. Flink, wie ein Wildschein die Waldlichtung. Jetzt sitzt er vor dem Tisch und macht "Sitz". Wie ein kleiner Handfeger wackelt er mit dem Hintern. Deutlich hörbar wischt er damit über's Parkett – wie der Strolchi. Dessen Schwanzl ist nämlich so kurz, dass er ebenfalls gleich mit dem ganzen Hinterviertel wedeln muss. Wie eine Bauchtänzerin.
Das ist anstrengend und erzeugt Durst. Laut saugt der Putzi die letzte Feuchtigkeit aus dem Waschlappen. Das macht der Strolchi zwar nicht, aber der kriegt auch keinen feuchten Waschlappen.
Zwischen ihm und der Mamma ist jetzt genügend Sicherheitsabstand. Eine ganze Tischlänge. Da könnt die Mamma freilich einfach durchkrabbeln. Aber die Mamma ist ganz schlecht in Hund! Und der Putzi weiß das ganz genau. Unter dem Tisch gewinnt er immer.

"Warum hast'n nich festgehalten, du …! Oh, Mann! DAS sieht man, dassde keine Kinder hast."

Die Tante schnappt nach Luft. Mittlerweile schaut sie genauso erhitzt aus wie die Mamma.

»Oh Mann! Ich schrei mir gleich die Hosen voll! Aba warum hängste den blöden Waschlappen denn nich höher …!
Putzi!? Wie macht der Wau-Wau?«

"WARUM-WARUM-WARUM! Du bisunmöglich. Statt dassde mia hilfst, das kleine Monster einfangen. Ach mano!"

Der Putzi fühlt sich in seiner Ehre als Hund gekränkt. Natürlich weiß er ganz genau, wie der Wau-Wau tut.
Plapp macht's leise, und der Putzi ganz eifrig und laut wau-wau-wau.
Der Waschlappen liegt auf dem Fußboden.
Wieder schreit die Tante los:

»Oh Mann …! Ich kriegse nich mehr! Der verbellt das Ding wie'n Jagdhund!«

Ein Riesenbumser am andern Tischende. Die Mamma ist zu nachlässig aus der Welt unter dem Tisch aufgetaucht. Dabei hat sie mit ihrer Stirn laut und deutlich die Tischplatte touchiert. Die Kaffeekanne schwankt bedrohlich.

"AUH-AUH-AUA! Mann! SCHEISSE!"

»NA! Sagt man das vielleicht vor Kinders!«

Die Tante ist aufgestanden, hat mit gespitzten Fingernägeln den Waschlappen aufgehoben und hält ihn der Mamma unter die Nase. Und die drückt ihn sich gedankenverloren an die Stirn.
"Wau-wau" macht der Putzi. Dann schlenkert er einmal schnell mit den Kopf zur Seite und schnaubt verschmitzt durch Nase.

© Siegmund Läps

Leave a Reply

Photo
as

August 4th

S.Läps: Tick


Tags: ,