Wechselbad

Heute Nacht, ein großes Spektakel in der Glotze! Entgegen meiner Absicht habe ich mir die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spielen in London angeschaut. Eine bunte und sehr anregende Show, von Danny Boyle inszeniert, wurde uns angeboten. Nicht das übliche Pompöse… Viel mehr Originalität. England wurde mit Lockerheit vorgestellt und das ganz im Sinn der Popkultur, die dieses Land tief geprägt hat. Dann kam der Auftritt der Sportler aus zahlreichen Ländern. Der erste Eindruck ist für mich das Staunen. Wie bringt das Olympische Komitee es fertig, so viele Nationen unter der Flagge mit den fünf Ringen zu versammeln?

Zuerst ein Eindruck des Friedens. Feinde im politischen Spektrum; Freunde, wenn es um Sport geht? Kann das überhaupt möglich sein? Immer mehr hatte ich den Eindruck, an einer Fata Morgana teilzunehmen. Die Eintracht, die hier gezeigt wird, kam mir etwas irreal vor. Wie es bei der Sehnsucht halt üblich ist! Menschen aus sehr verschiedenen Kulturen und Religionen marschieren allesamt in die gleiche Richtung. Ist das nicht nur gestellt? In mir gemischte Gefühle. Auf der eine Seite begrüße ich die Absicht von Pierre de Courbertin, mit den Spielen für mehr Frieden einzutreten, auf der anderen befürchte ich, dass sie missbraucht wird. Auch wenn während zwei Wochen Konflikte unter den Teppich gekehrt würden, ist das bei weitem keine Garantie, dass sich etwas Grundsätzliches ändern würde. Nein, der Alltag bleibt bestehen und das in seiner ganzen Grausamkeit. Vergessen wir nicht, dass Adolf Hitler die Olympiade als Propaganda.Instrument missbrauchte. Ich habe den Eindruck, dass heute genauso verfahren wird, auch wenn nicht so krass wie im Jahr 1936. Die Spiele dienen eher der Profilierung von Potentaten als dem Frieden. Wenn man das weiß, geht man anders mit ihnen um. Nüchtern gesehen, kann die Olympiade keine Wunder hervorbringen. Daher wäre es besser, nicht so große Töne zu posaunen und auf dem Boden zu bleiben

Im gleichen Augenblick, bangen in Aleppo und Umgebung, Millionen Menschen um ihr Leben. Wie es heißt, soll dort die ultimative Schlacht stattfinden. Während in London das Gute hochstilisiert wird, müssen in Syrien Kinder um ihr Leben fürchten. Hier geht es nicht um eine sportliche Auseinandersetzung; vielmehr um Macht, Gewalt und Willkür. Von Fairness kann keine Rede sein. Das Regime stemmt sich gegen die Terroristen, wie sie von Baschar al-Assad tituliert werden. Ist diese Sicht der Dinge legitim? Auch so verwerflich ich sein Regime finde und so grausam sein Vorgehen gegen die zivilen Bevölkerung ist, bleibt die Tatsache, dass immer mehr Islamisten an den Kampfhandlungen teilnehmen. Ihr Ziel ist es, nach dem Sturz des Diktators in Syrien einen Gottesstaat einzurichten. Das kann von uns nicht ignoriert werden. Je länger der Kampf dauert, desto fanatischer wird es zugehen.

Wir dürfen nicht die Augen verschließen. Einmal wieder droht das Chaos und das nur, weil wir keine klare Linie zeigen. Wir unterstützen schon den Aufstand, aber mit sehr großer Zurückhaltung. Dazu kommt die Haltung der Türkei, die ein offenes Vorgehen verlangt. Es scheint nur eine Frage der Zeit, dass die Ziele des ehemaligen Osmanischen Reich wieder aktuell sind. Was parallel zu den Olympischen Spielen dort vorgeht, ist ein Faktor der Unruhe, des Umsturzes. Die Karten werden neu gemischt und das könnte nicht unbedingt zu unserem Vorteil sein.. Das sollte man sich einprägen, während die Athleten an Wettkämpfen teilnehmen. Trotz Olympia bleibt die Welt nicht stehen. Leider bewegen wir uns in Richtung Abgrund. Die Feier ist nur Kosmetik. Die Probleme bleiben weiter bestehen, auch wenn immer wieder betont wird, dass es gute Seiten bei den Menschen gibt. Man muss schon eine Lupe nehmen, um sie zu entdecken!

Die brillante Vorführung von London hat mich noch auf andere Gedanke geführt. Wie ich im gestrigen Kommentar betonte, ist der Kontrast zwischen der Party-Stimmung und der Realität einer großen Finanzkrise sehr krass. Ein paar Schritte vom Stadium entfernt sorgen sich die Menschen vom East End um ihre Zukunft. Meist Einwanderer aus der ganzen Welt. Leute, die aus den Nationen unter den Augen von mehr als eine Milliarde Zuschauern vor der Queen defilieren. Aber hier ist kein Glamour zu vermelden. Immer die gleiche Frage: kann man überhaupt unter diesen Umständen feiern? Wenn man es damit ernst nehmen würde, dürfte keine Fete mehr stattfinden. Das ist sowohl für die Vergangenheit als für die Gegenwart und die Zukunft gültig.

Wäre die Olympiade abgeblasen worden, würde es den Bedürftigen kein Iota besser gehen. Eine fundamentalistische Haltung einzunehmen, dient niemand. Vor dem Fernseher ist mir mehr Nachsicht gekommen. Vielleicht muss sich der Mensch ablenken, um die Hölle zu ertragen mit der er immer wieder konfrontiert wird. Aber dabei darf es nicht belassen werden. Sehr viel mehr: es wäre begrüßenswert, wenn die Londoner Mammut-Veranstaltung als Plattform benutzt würde, um Forderungen nach mehr Gerechtigkeit zum Ausdruck zu bringen. Ein Event, der soviel Aufmerksamkeit auf sich zieht, muss mahnend sein, wenn es um mehr Menschenrechte geht. Nein, eine Olympiade kann sich nicht der Politik entziehen. Sie muss im Interesse der überwiegende Mehrheit der Mitgliedsländer agieren, die für mehr Frieden appellieren. Wenn es solch ein Forum wäre, wäre mir kein Cent zu schade, aber ich habe meine Bedenken.

Jetzt stellt sich die Frage, ob ich überhaupt noch Lust habe zu feiern? Ich bin überzeugt, dass Millionen von Menschen mit nein antworten würden. Dennoch denke ich, dass wir uns manchmal zwingen sollten, lockerer zu agieren. Wir verbessern nichts, wenn wir immer wieder den Weltuntergang verkünden. Das bedeutet aber nicht, die Übersicht zu verlieren. In einer miesen Stimmung lässt sich keine Zukunft bauen. Der Blick nach vorne zu werfen, bedeutet die Gesellschaft so zu nehmen wie sie ist:eEine Mischung aus fun und Verzweiflung.

//pm

Link zur Eröffnungsfeier der Olympiade:
http://www.faz.net/aktuell/sport/olympia-2012/olympia-2012-in-london-die-spiele-sind-eroeffnet-das-feuer-brennt-11834878.html

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Juli 28th

Pierre Mathias

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