Risiko!

Mario B., ein Boutiquen-Besitzer, sollte eigentlich jetzt investieren, um seine Steuerlast zu vermindern. Er hatte vor, einen neuen Laden in einer Provinzstadt zu eröffnen. Noch immer sind italienische Klamotten hoch im Kurs. Nach einer eingehenden Marktstudie hat er herausgefunden, dass solch ein Geschäft durchaus eine Zukunft hat. Von den Fakten her, war das Risiko de facto minimal. Das, ausgehend vom heutigen „Ist-Zustand“.

Wie es morgen aussehen würde, kann niemand prognostizieren. Wie würde es mit den Bonitäten der Kreditinstitute stehen? Wären sie bereit ein mittelständiges Unternehmen weiter unter die Armen zu greifen? Zuerst nahm Mario B. Kontakt mit seiner Hausbank auf. Sein Berater, der ihn sonst mit einer bestimmten Lockerheit empfängt, war wie zugeknöpft. Er hatte von seiner Direktion den Auftrag bekommen, Vorsicht walten zu lassen. Kein Geld ohne reichliche Garantien. Früher war es für den Textilkaufmann kein Problem. Mit seinen acht Geschäften hatte er Polster genug. Heute aber genügt das nicht mehr. Könnte garantiert werden, dass die Läden im Fall eines Fiaskos von anderen übernommen würden?

In der Krise, in der der Euro steckt, kann niemand dafür seine Hand ins Feuer stecken. Wer weiß, ob die Kunden nicht lieber ihre Kohle auf Halde legen; ob die Sparwut überhand nimmt? Bei den ständig schlechten Nachrichten, die uns aus Athen, Madrid oder Rom erreichen, neigen viele Bürger dazu, ihr Portemonnaie geschlossen zu halten. Auch wenn die Statistiken noch immer von einer guten Situation sprechen, sind die ersten Zeichen einer Regression der Konjunktur zu spüren. Schlicht gesagt: der Wurm steckt einfach im Apfel.

Gerade in einer Zeit, in der es notwendig wäre, den Binnenmarkt anzukurbeln, sind die ersten Lähmungserscheinungen zu spüren. Vor allem seitens der Banken, die auf brüchigen Füßen stehen. Das ist auch der Fall beim Geldinstitut von Mario B., das sich bei Immobilien verspekuliert hat. Außerdem kommen die Banker immer schwerer an frisches Geld heran. Was sich bei dem Bürger abspielt, ist auch dort zu bemerken. Es wird gespart, … falsch gespart. Der Mittelstand ist wie so oft das erste Opfer. Lieber sich in Hedgefonds engagieren, als andere Risiken einzugehen. Hier ist mehr zu verdienen. Das wurde dem Geschäftsmann nicht ausdrücklich gesagt, aber durch die Presse wusste er Bescheid.

Das Ergebnis der Besprechung war für ihn höchst unbefriedigend: „In der heutigen Situation muss ich Ihnen leider eine schlechte Nachricht mitteilen: wir sind nicht in der Lage, ihnen einen weiteren Kredit zu gewähren!“ Das bedeutet, dass Mario B. sein Projekt ganz einfach einpacken muss. Wenn man bedenkt, welche Konsequenzen das mit sich zieht, kann man nur erschrecken. Der Vermieter der Boutique geht leer aus wie der Innenarchitekt, der Ausstatter und letztendlich das Personal, das er eingestellt hätte. Nicht zu vergessen, die Lieferanten in Italien. Dieses Beispiel zeigt, wie eine Krise entstehen kann. Die Mode-Industrie ist sehr anfällig, wenn der Gürtel enger geschnallt werden muss. Das ist eine der Erklärungen, warum es südlich der Alpen so schlecht geht.

Menschen wie Mario B. gibt es in Hülle und Fülle. Deshalb ist es von größter Wichtigkeit, alles zu tun, um den Mittelstand am Leben zu erhalten. Das habe ich in meinen Kommentaren immer wieder betont, aber jetzt erscheint mir die Situation so angespannt, dass unbedingt etwas getan werden muss. Zugegeben: wir befinden uns noch nicht in der Schieflage, aber gerade deswegen sollte gehandelt werden. Das tut man aber nicht, wenn man tagtäglich nur noch Hiobsbotschaften verkündet. Durch eine miserable Kommunikationspolitik haben die europäischen Politiker es fertig gebracht, die Eurozone noch in tiefere Abgründe zu zerren, als es objektiv der Fall sein sollte. Ein Hin und Her an Maßnahmen, die den Markt weiter verunsichern, wird verkündet, um gleich danach im Papierkorb zu landen. In solch einem Kontext ist das Los von einem Mario B. mehr als prekär. Seine potentielle Kundschaft ist immer mehr vom Virus „Weltuntergang“ befallen. Kein Wunder! Die Nachrichten verleiten weiß Gott nicht zum Optimismus.

Und die Zukunft könnte noch düsterer aussehen. Einer der Gründe ist der Mangel an Kenntnissen von vieler Politiker. Wenn man bedenkt, dass ein Amateur wie Mitt Romney an die Macht kommen könnte, schaudert es mich. Typen, die nur Belangloses von sich geben und die aus Unkenntnis die Welt weiter in die Katastrophe stürzen könnten. Was hat das mit Mario B. zu tun, könnten sie mich mit recht fragen? Viel! Wie wir heute feststellen, ist die Krise vor allem psychologisch bedingt. Die Finanzmärkte sind Stimmungen ausgesetzt und reagieren dementsprechend. Wenn die internationale Lage sich weiter verschlechtert, kann sich das nur negativ auf den Binnenmarkt auswirken. Das zeigt, wie wir von äußeren Umständen abhängig sind. Deshalb wäre es dringend notwendig, dass die EU einen Kraftakt vollzieht und zu einer politischen Union wird.

Die heutige Krise zeigt, dass die vorhandenen Strukturen in der EU nicht mehr angebracht sind, um solch eine Zeit abzufedern. Die Vorgänge sind viel zu schleppend, die Signale Richtung Finanzmärkte zu dürftig. Außerdem wird den Banken noch immer viel zu viel Freilauf gelassen. Wenn sie von der EZB oder den jeweiligen Regierungen unterstützt werden, kann das nur unter strengen Auflagen geschehen. Dazu gehört auch die Finanzierung von Unternehmen, wie die von Mario B. Auch wenn ich nicht immer an die Wirkung von Konjunktur-Programmen glaube, finde ich sie heute wichtiger den je. Ein erster Schritt wurde mit den 120 Milliarden gemacht. Aber das sollte nur ein Anfang sein. Ziel sollte sein, dass die Wirtschaft sich so schnell wie möglich selber trägt. Dafür soll jetzt gesorgt werden; nicht erst morgen, wenn es zu spät ist.

//pm

Link: Schwächung der Konjunktur in Deutschland:
http://www.eulerhermes-aktuell.de/de/wirtschaft-allgemein/wirtschaft-allgemein.html

Leave a Reply

Photo
as

Juli 31st

Pierre Mathias

Pierre´s Special


Tags: ,