Das Urteil VOR dem Urteil!

„Wow, schau dir die Klamotte an, voll die Schlampe!“
„Typisch Frau, kann nicht einparken!“
„Voll die Zicke, sieh nur, wie sie das Essen anfasst!“
„Der sieht aus, als wäre er auf Droge!“

Vorurteile. Das Urteil vor dem Urteil. Entweder man ist zu Blond, zu dick, zu schlampig oder gar nicht angezogen, ist zu wählerisch, was das Essen betrifft, kauft zu wenig, zu viel, trägt Make-up zu üppig auf und sind wegen unseres Dialekts ein kleines Dummerchen.
Was auch immer, wir werden noch, bevor man uns richtig kennenlernt, abgeurteilt und bekommen einen Stempel.

Mein Stempel, der mich immer wieder trifft, ist der des Alkoholikers. Ein Stempel, der mich total verletzt und verärgert. Ich bin kein Alkoholiker und dennoch schwanke ich manchmal. Das kommt davon, dass mein Gleichgewichtssinn bedingt durch meine Erkrankung an MS ein wenig gestört ist und mich manchmal dankbar für Einkaufswägen oder andere Stützhilfen sein lässt.
Dann heißt es mal eben ganz schnell: „Mei schau hin, die ist am helllichten Tag besoffen!“ Meist kommt es von der Frustfraktion kurz vor der Margarine an der Kühltheke. Dort, wo sich eine bestimmte Klientel, die sowieso immer alles besser weiß und top-informiert ist, täglich zweimal trifft, um Gerüchte oder Vorurteile in die Welt hinaus zu posaunen.

Ich gebe zu, ich bin´s ja auch. Voller Vorurteile. Manchmal. Es lässt sich einfach nicht immer vermeiden. Jeder kriegt mal eins ab. So ein Vorurteil. In der Verwandtschaft gibt es sie, im Freundeskreis und im Job. Und eben im Supermarkt, dort wo die selbst ernannten Moralapostelinnen und pädagogisch Wertvollen die Welt verbessern. Via Vorurteil.

Doch was passiert, wenn wir vorverurteilen? Ist das Vorurteil vielleicht sogar ein erstes Bauchgefühl und eine Warnung? Oder ist es keine Warnung, sondern erliegen wir einer falschen Vorstellung oder einem falschen Bild, das sich aufgrund eines komischen Outfits, eines schwankenden Gangs oder anderer äußerer erster Eindrücke ergibt?
Vielleicht ist ein Gefühlswirrwarr, das uns völlig von der Rolle sein lässt, ohne dass wir es merken?

Ein Vorurteil ist ein fieser Knilch. Es konfrontiert uns und unser Gegenüber mit einer falschen Tatsache. Wir laufen in die Irre, bevor wir ankommen können. Zerreißen uns in Fetzen. Und bis wir das tun, stolpern über unser schlechtes Gewissen, landen bäuchlings im Fettnäpfchen und baden noch ein wenig im Fremdschämen, bevor wir hart auf dem nackten Boden der vorurteilsfreien Tatsachen landen und uns eingestehen müssen, dass wir wieder einmal einer Fremdinfo aufgesessen sind, die uns den Weg vernebelte und erschwerte.

Ein Richter muss frei davon sein. Er braucht die Neutralität, um gerecht zu urteilen und niemandem eine Strafe aufzudrücken, die er nicht verdient hat. Er hat Grundlagen zu betrachten, Fakten zu sammeln und sich alle Perspektiven anzusehen, bis er tatsächlich urteilt. Vorverurteilen ist nicht. Das würde ihm jede Revision der Welt auf den Leib hetzen. Ihm wahrscheinlich einige gemeine Falschurteile einbringen und ihm noch wahrscheinlicher auch noch eine Menge Vorurteile bescheren.

Bevor wir uns also zum Richter über das Dasein anderer aufschwingen und möglicherweise jemandem ein Messer in den Rücken rammen, nur weil seine Klamotten komisch aussehen, er im Essen stochert und wiehert wie ein Pferd, wenn er lacht, sollten wir vielleicht einmal ganz tief Luft holen. Damit das Vor vorm Urteil wegfällt und wir uns eine fundierte Meinung bilden.

Wäre mal was anderes. Oder?

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Mai 20th

Allgemein


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