Von Angesicht zu Angesicht: Jeff – Gehört der Tod zum Leben?
Jeff:
Ich verstehe nicht, warum ich die Pantomime an den Hacken gehängt habe! Ich konnte mich damals sehr gut tarnen; meine Gefühle hinter einer Maske verbergen. Was in mir vorgeht, will ich nicht an die große Glocke hängen! Ich finde es unerträglich, wenn sich Menschen ganz einfach outen; einen Einblick in ihrem Geheimgarten gewähren. Das geht keine Sau etwas an!
Jeff:
Das sagst du, aber ob du willst oder nicht, ist es unmöglich, sich ganz abzusondern. Der Umgang mit anderen Menschen führt dazu, dass man sich irgendwie öffnen muss. Wir müssen, ob wir es wollen oder nicht, Zugang finden. Sonst wäre kein Kontakt möglich. Hättest du sonst Nina kennengelernt?
Jeff:
Du weißt, dass die Erinnerung an sie für mich sehr schmerzhaft ist. Ich habe mir von ihrem Krebstod nie erholen können. Es ist klar, dass die Liebe meine Lebensplanung auf den Kopf gestellt hat. Ich wollte ursprünglich allein bleiben; niemand etwas schuldig sein. Deshalb bin ich Pantomime geworden. Kein unnötiges Geschwätz, nur eine Gestik, die in die Irre führen kann. Dass das eine Illusion war, sehe ich heute ein!
Jeff:
Nicht ohne Grund bist du heute Pfleger geworden. Und das in der Onkologie. Jeden Tag bist du jetzt mit dem Tod konfrontiert. Ist das überhaupt auszuhalten? Wenn ich betrachte, dass das Sterben zum Leben gehört, ja. Aber wie hast du den Sprung von der Kunst zur Fürsorge vollzogen? Sind das nicht andere Welten?
Jeff:
Siehst du Jeff, die Pantomime ist mit dem Tod stark verbunden. Schon die weiße Maske vom Marcel Marceau war für mich ein Vorbote des Sterbens. Auch wenn ich seine Bewegungen beobachte, waren sie irgendwie überirdisch. Sie hatten mit der Realität nichts mehr zu tun. Sie waren ein übertriebenes Spiegelbild unseres Dasein.
Jeff:
Das würde bedeuten, dass sie eine künstliche Welt darstellten. Ich empfinde die Pantomime – auch so toll ich sie empfinde – als grausam. Sie vermittelt nicht unbedingt Güte. Sie unterstreicht unsere Hilflosigkeit; unser Unvermögen. Sind wir nur Marionetten? Wesen, die ständig manipuliert werden?
Jeff:
Das sind wir! Der Tod holt uns immer ein, egal wie wir uns verhalten. Er ist ganze Zeit hinter uns her und ergreift uns, ob wir es wollen oder nicht. Ich habe mir nach dem Tod von Nina vorgenommen, ihn zu trotzen.
Jeff:
Aber als Sterbe-Begleiter tust du das nicht. Du hilfst, Menschen Abschied zu nehmen. Du versuchst, ihnen Trost zu schenken; ihnen die Angst wegzunehmen. Ich denke, dass sie dich unbedingt benötigen. Deine Patienten wissen, dass sie mit jemand zu tun haben, der nicht wegschaut!
Jeff:
Wie könnte ich das? Aber ich muss mir immer wieder die Frage stellen, ob ich ihnen nicht etwas vormache, was ich letztendlich nicht verantworten kann. Bin ich der alte Pantomime geblieben, der ihnen genau zeigt, in welcher Lage sie sich befinden?
Jeff:
Du kannst dich doch nicht verstellen.
Jeff:
Heute würde ich es gerne tun; mich hinter dieser Fassade verstecken. Aber das kann ich nicht mehr. Ich muss dir etwas zugeben. Ich habe eine höllische Angst vor dem Tod. Ich finde ihn ungerecht!
Jeff:
Da sprichst du mir im Herzen. Aber niemand kann sich durchmogeln. Er erwischt uns, ob wir es wollen oder nicht.
Jeff:
Vielleicht sollte ich ihn durch meine Pantomime trotzen! Ihm meine Verachtung zeigen? Ihm die Zunge ausstrecken?
Jeff:
Ich denke nicht, dass es viel nutzen würde!
//pm
Link zum Thema Tod:
http://de.wikipedia.org/wiki/Tod
