Jeff und der Tod
Die Portrait-Galerie
Jeff und der Tod
Ich habe Jeff bei einer Dreharbeit Anfang der 90ziger Jahren kennen gelernt. Er war Pantomime und machte rund um den Globus Tourneen. Er war der Hauptprotagonist eines Filmes, den ich für das Fernsehen gedreht hatte. Ich wollte hinter seine Maske schauen; den Menschen entdecken, der er wirklich war. Was steckte hinter den Stereotypen seiner Kunst? Würde ich etwas erfahren können? Oder war sein Gehabe nur eine Abwehr, um jeden Eindringling von sich zu weisen? Ich hatte schon das Gefühlt, dass ich mit einem höchst sensiblen Mensch zu tun hatte, aber konnte „die Nuss nicht knacken“: Er erklärte mir, dass ein Pantomime sich nicht entlarven durfte. Täte er das, würde es keinen Sinn mehr haben, seine Kunst auszuüben. „Das ist mein Kapital, verstehst du?“
Ich hatte zwar ein Verständnis dafür, konnte mir aber schlecht vorstellen, wie das funktionieren sollte. Jeff erklärte mir, dass er sich verstellen musste, um bestehen zu können; dass er seine Gefühle verbergen musste, um nicht in die Tiefe geschleudert zu werden. „Durch die vorgegebene Gestik, kann ich mich verstellen; brauche mich nicht ganz zu öffnen!“ Das konnte ich mir damals nicht ganz vorstellen, aber heute weiß ich was er damit meinte. Wenn ein Mensch innerlich verletzt ist, muss er sich gegen Angriffe von Außen wehren können. Jeff hatte die Pantomime als „Panzer“ gewählt. Sie erlaubte ihm, sich eine Zeit lang zu schonen. Das war sicherlich eine Illusion, aber für seine Entwicklung von größter Bedeutung.
Als wir uns kennenlernten, war es für ihn noch zu früh, sich in Frage zu stellen. Das hätte ihn zerrissen. Das ist mir jetzt bewusst. Ich fragte mich wie lange er dieses Mittel anwenden könnte um sich zu schonen? War es möglich sich ein ganzes Leben lang sich hinter einer ästhetischen Fassade zu verbergen? Würde sie nicht eines Tages weggespült werden? Es waren nur Annahmen, die ich damals nicht belegen konnte. Kann man überhaupt so tief in einen Menschen hinein schauen? Ist das überhaupt zulässig? Fragen, die mich noch heute quälen.
Ich hatte Jeff schon längst vergessen, als ich 2007 einen Film in einer Onkologische-Station drehte. Ich wollte mich mit dem Tod konfrontieren; fühlen, wie es den Menschen ergeht, die am Sterben waren. Auch die Fürsorge des Personals stand im Mittelpunkt meiner Gedanken. Als ich mich für das Vorgespräch in der Klinik anmeldete, wurde mir ein Pfleger vorgestellt. Wir erkannten uns sofort. Es war Jeff. Ich hatte das Gefühl, einen neuen Menschen vor mit stehen zu sehen. Seine Züge waren viel freier als damals. Sein ganzes Pantomime-Gehabe hatte er über Bord geworfen. „Was machst du hier?“ Er erklärte mir, dass er endlich seine Berufung gefunden hätte. Er war, so absurd es auch klingen mag, endlich befreit. Der Umgang mit dem Tod hatte ihm erlaubt, zu sich zu finden.
Er hatte auch Zugang zu Gott gefunden. Ich erinnere mich, dass er sich damals als überzeugter Atheist ausgegeben hatte. „Damit möchte ich mich nicht einfangen lassen!“, sagte er mir. Ich hatte den Eindruck, dass er eher ein Fatalist war, der dem Leben trotzen wollte. Ich erlaubte mir, ihn zu fragen, wie es dazu kam, dass er diesen Schritt getan hatte. Die Geschichte war ganz einfach. Er hatte sich in eine junge Frau verliebt. mit der er sein Leben gestalten wollte. Eines Tages kam sie vom Arzt zurück, der ihr öffnete, dass sie Krebs hatte. Jahrelang war es ein Wechselbad zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Um sie betreuen zu können, hatte er seine Kunst an den Haken hängen müssen. Es war ausgeschlossen, dass er auf Tournee ging. Da er Geld verdienen musste, ließ er sich umschulen und wurde Pfleger. Am Ende siegte die Krankheit. Jeff traf dann den Entschluss, Sterbende in den Tod zu begleiten. Das in Erinnerung an seiner Partnerin.
Der Fall von Jeff gibt die Erklärung, wie sich ein Mensch verwandeln kann. Aber ich habe auch andere Fälle gekannt, wie bei einem engen Freund von mir. Er ist auch in einer Krebsstation tätig und muss tagtäglich den Tod erleben. Ich stelle mir immer wieder die Frage, wie er das verkraften kann. „Das Sterben gehört zu uns, ob du willst oder nicht!“, könnte seine Antwort gewesen sein. Aber es kommt darauf an, wie er eintrifft. Wenn Patienten solche Schmerzen empfinden, dass sie nahezu verrückt werden, frage ich mich immer wieder, was es bringt, sie noch am Leben zu erhalten. „Das haben wir nicht zu bestimmen!“, sagt er. „Wir können sie nur begleiten!“ Bei ihm steht ein tiefer Glaube im Vordergrund. Es gibt ihm die Kraft, wie bei Jeff, das Leid zu ertragen. Heute verstehe ich was Beide damit meinen. Sie stemmen sich gegen die aktive Sterbehilfe, weil sie zu Exzessen führen kann. Niemand darf entscheiden, was allein Gott zu bestimmen hat.
Jeff hat mir den Beweis erbracht, dass es schwer ist, Menschen in Kategorien einzustufen. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass dieser Künstler sich so verändert hätte. Ein Egomane hatte sich in einem fürsorglichen Helfer verwandelt. Ich bin sehr dankbar, dass ich ihn wieder getroffen habe und versprach, mehr Nachsicht zu üben. Auch wir Journalisten haben die Tendenz, Vorurteile walten zu lassen, die das Leben dann widerlegt. Ich nahm Jeff in meinem Film als Beispiel für einen Wandel. Die Gegenüberstellung der damaligen Aufnahmen, die ihn als Pantomime zeigten zur heutigen Realität unterstrich, dass nichts endgültig ist mit Ausnahme des Todes! War es der wahre Grund seines Engagements? Hier nützt keine Schminke mehr! Er zeigt sich, wie er ist: unnachsichtig, grausam… Aber auch manchmal versöhnlich.
//pm
Link zur Onkologie:
http://de.wikipedia.org/wiki/Onkologie
