Fragen an Hans-Günter Albrecht (7)
Die Fragen von vergangener Woche (6)
Wie steht man als Kommissar vor Gericht da, wenn der Angeklagte sich für nicht schuldig hält?
Das muß man so akzeptieren. Jeder hat ja eine andere Sichtweise, und es ist ein Recht des Beschuldigten, auf nicht schuldig zu plädieren. Der Angeklagte muß ja zu keinem Zeitpunkt die Wahrheit sagen, er kann lügen, dass sich die Balken biegen. Das hat mir als junger Polizist doch manches Mal zu schaffen gemacht.
Gibt es Momente, bei denen man zweifelt, trotz klarer Beweislage?
Man bemüht sich als Ermittler ja auch, entlastendes Material zu finden. Es wird im Laufe eines Verfahrens immer wieder gefiltert, ausgeschlossen, überprüft. Sicher gibt es hier und da Zweifel, letztendlich subsummiert man alle gesammelten Fakten, Aussagen und Indizien, daraus entsteht dann das Gerichtsverfahren. Es bleibt ja der Staatsanwaltschaft überlassen, Anklage zu erheben.
Ist die Last für die Ermittler nicht sehr groß? Wie kann man sie verkraften?
Das ist wie im "richtigen" Leben. Da muss man auch vieles verkraften, bewältigen und verarbeiten. Könnte man das nicht, dann hätte man wohl auch als Ermittler Probleme damit. Da gibt es also kein spezielles Rezept.
Und was nun, wenn sich die Indizien als falsch herausstellen? Wenn ein Unschuldiger verurteilt wird?
Man kann sich nur bemühen, immer so gut wie möglich zu arbeiten und, wie oben geschildert, zu ermitteln. Habe ich schlampig gearbeitet, müsste ich mir natürlich Vorwürfe machen. Ich bin ja auch nur ein Mensch, der auch Fehler machen kann. Das geht einem Arzt ebenso, gerade unter Zeitdruck und wenn man übermüdet ist, können Fehler passieren, die dann gravierende Folgen haben. Wenn ein Fall sehr öffentlichkeitswirksam ist, steht man ja auch immer unter einem immensen Zeitdruck, das darf man dabei nicht außer Acht lassen.
Wird ein Polizist, der unter Druck steht, psychologisch betreut?
Das Schlimme ist, dieses Problem gibt es seit Jahren und wird immer wieder als Schwäche ausgelegt. Man kann Betreuung in Anspruch nehmen, dadurch wird man aber auch angreifbar. Also überlegt man sich das sehr genau, wie man damit umgeht.
Haben die DNA-Proben die Polizei psychologisch entlastet? Sind sie 100% sicher?
DNA war ein großer Fortschritt. Sie verschafft eine größere Sicherheit und kann im Verfahren vielfach verwendet werden, um denn oder die Täter letztendlich zu überführen. Das hilft der Polizei und den ermittelnden Behörden natürlich enorm.
Angeklagte widerrufen immer wieder ihre Aussagen, manchmal auch ihr Geständnis. Wie geht man damit um?
Das ist ihr gutes Recht. Wenn man gut gearbeitet hat, kann der Angeklagte widerrufen solange er will, das wird nichts nützen.
Bei dem Verhör gibt es laut Krimis immer den bösen und den verständnisvollen Polizisten, entspricht das der Realität?
Nein, ich kenne das so nicht. Diesen Kontrast kann auch ein einzelner Polizeibeamter vermitteln.
Hat ein Ermittler viele schlaflose Nächte?
Manchmal wacht man schon auf und denkt darüber nach, ob man nichts vergessen hat. Was muss noch getan werden, was habe ich bereits getan, um das Verfahren rund zu machen. Das bedeutet manche schlaflose Stunde, aber auch am Tag macht man sich schon Gedanken, wenn man einen größeren Fall bearbeitet.
Wenn ein Kommissar vor Gericht aussagen soll, wie verhält er sich?
Man bemüht sich, sachlich zu bleiben, immer hart an den Fakten, keine Gefühle zulassen. Letztendlich entscheidet das Gericht darüber, ob schuldig oder nicht schuldig. Ich habe meine Arbeit getan und das so gut wie möglich.
© Hans-Günter Albrecht

