Kindermord

Nein, der Mord an einem Mädchen in Emden kann mich nicht gleichgültig lassen. Das ist das Schlimmste, was passieren kann. Immer wieder die Frage, wie so eine Tat möglich sein kann? Was geschieht im Kopf eines Täters? Ist das ein Kranker? Als Kind wurde ich direkt mit solch einem Fall konfrontiert. Eine Schulkameradin verschwand eines Tages und wurde erdrosselt in einem Teich gefunden. Sie war auch etwa 11 Jahren alt. Ich erinnere mich noch sehr genau, welche Angst wir hatten. Niemand wagte sich mehr allein aus dem Haus. Die Eltern hatten ständig ein Auge auf uns. Das geschah in einem Dorf vor 55 Jahren.

Und wieder die gleiche Frage: wie konnte es dazu überhaupt kommen? Kann das Unerklärliche überhaupt erklärt werden? Ist das der Beweis, dass wir gefährlich leben? Im Gegensatz zum Mordfall von Krailling bei München, bei dem zwei Mädchen aus Rache ermordet wurden, handelt es sich in Emden offensichtlich um ein Sexualdelikt. Die Täter sind oft total normale Bürger, die nie aufgefallen sind. Ruhige Menschen, zuvorkommend, korrekt in ihrem Äußeren. Manchmal auch Familienväter, wie es der Fall beim Mörder von Mirko ist. Es gibt nur selten äußere Merkmale, die so eine Neigung vermuten lassen.

In sehr vielen Fälle dauert es Jahre, bis es zu einer Tat kommt. Das macht die Sache so unheimlich. Es gibt keine Kriterien, an die man sich halten kann. Der schreckliche Trieb kommt ganz unerwartet und kann dann nicht mehr aufgehalten werden. Selbst die Betroffenen können schwer erklären, was mit in ihnen geschah; warum sie dazu verleitet worden sind. Das bedeutet, dass lebende Waffen unter uns sind. Es genügt nur ein Bruchteil einer Sekunde und schon ist die Katastrophe eingetroffen. Bei solch unauffälligen Menschen nützt keine Prävention. Ob diese Kriterien in Emden erfüllt werden, steht zur Zeit noch in den Sternen. Vielleicht werden wir heute Abend mehr darüber wissen.

Anders bei notorischen Sexualtätern. Es sind Menschen, die von Kindheit an ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst haben. Oft spielt das Elternhaus eine entscheidende Rolle. Sind eine harte Erziehung oder ein Mangel an Mutterliebe daran schuld? Es gibt zahlreiche Erklärungen, die aber nicht unbedingt Antworten bringen. Es gibt sicherlich eine überwältigte Mehrheit an Individuen, die sich nie auffällig benehmen werden, trotz Veranlagungen. Hier kann eine Begegnung entscheidend sein. Ein Zufall, der im voraus kaum in Betracht gezogen werden kann. Man nennt das Fatalität.

Es stellt sich immer wieder die Frage, was mit solchen Leuten geschehen soll? Sie unter Verschluss zu bringen, wie es immer wieder verlangt wird, ist juristisch nicht möglich. Solange sie nicht tätig werden, können sie nicht belangt werden. Sie in Therapie zu schicken, nützt nur etwas, wenn es auf freiwilliger Basis geschieht. Das bedeutet, dass dieser Menschenkreis sich über die Tragweite ihrer Instinkte im Klaren sein muss. Und selbst da kann keine Garantie abgegeben werden, dass nichts passieren wird. Es ist unmöglich, potentielle Täter 24 Stunden lang unter Beobachtung zu stellen, wie es geschieht, wenn verurteilte Personen frühzeitig aus dem Knast entlassen werden. Die Gesetze helfen uns nur bedingt. Sie setzen keinen Riegel zur Gewalt.

Es ist schon möglich, jemand zu zwingen, zum Psychologen zu gehen, aber nützt das wirklich? Es ist bekannt, dass viele Triebtäter sich sehr gut verstellen können. Nicht ohne Grund passieren immer wieder Dramen, die nicht vorhersehbar sind. Die Gutachten sprechen oft von erfolgreichen Therapien. Viele Psychologen behaupten immer wieder, dass ihre Klienten gesund sind; dass sie keine Gefahr mehr bedeuten, und dann passiert doch das Unvorstellbare. Menschen, die sich im Umgang völlig normal benehmen, werden plötzlich zu Bestien, ohne dass man das wirklich erklären kann.

Was sollte getan werden? Es ist unmöglich, Menschen auf Verdacht einzusperren. Eine große Menge von ehemaligen Sexualtätern werden nie mehr rückfällig. Sie können als „neutralisiert“ betrachtet werden. Wäre es gerecht, ihnen die Freiheit zu rauben? Und das nur, weil sie unberechenbar sein könnten? Es ist sowohl menschlich als auch rechtlich nicht möglich. Gerade hier liegt die Krux. Wer kann die Hand dafür ins Feuer legen, dass nichts passieren wird. Niemand! Und doch kann nicht anders gehandelt werden.

Meine Gedanken gehen zuerst an die Eltern des kleinen Mädchen von Emden. Ihr Leben wurde zerstört. Ich versuche mir vorzustellen, wie man in solch einem Fall reagiert. Zuerst kommt Wut auf; dann die Verzweiflung. Vorwürfe werden erhoben, aber wer sollten die Adressaten sein? Die Polizei? Die Justiz, die in den Augen von vielen Bürgern zu lasch agiert. Aber was würde es nützen, wenn wir es mit einem Repressionssystem zu tun hätten. In Diktaturen, wie in der ehemaligen DDR, konnte die Kriminalität nicht eingedämmt werden trotz Stasi. Es wurde nur nicht so viel darüber geredet. Schlechte Nachrichten wurden einfach unter Verschluss gehalten.

Leider zeichnen sich keine Lösungen auf, um solche Dramen zu verhindern. Das Leben eines Kindes wurde auf eine grausame Art ausgelöscht. Das ist eine Tatsache, die wir hinnehmen müssen, so schwer es uns auch fällt. Da gegen gibt es leider kein probates Mittel.

//pm

Link zum Thema „Mord in Emden“:
http://www.abendblatt.de/region/article2229287/Maedchen-Mord-in-Emden-Polizei-sucht-jungen-Mann.html

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März 27th

Pierre Mathias

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