Lars Anders: Sightseeing
Sightseeing
Langsam wich der Winternebel, der sich einer weißen Decke gleich über die Landschaft gelegt hatte, den ersten wärmenden Strahlen des Tagesgestirns. Glitzernder Raureif bedeckte Bäume und Sträucher und verlieh den Wäldern einen märchenhaften Glanz. Friedlich lag mein kleines Einfamilienhaus in der windlosen Stille des Neujahrsmorgens.
Blinzelnd trat ich aus der zum Haus gehörenden Garage, in der ich die letzten Stunden zugebracht hatte und wischte mir meine ölverschmierten Hände an einem fleckigen Tuch ab. Noch vor gut zehn Jahren hätte ich an einem Neujahrsmorgen wie diesem um diese Uhrzeit sicherlich noch gefeiert oder zumindest noch meinen Rausch ausgeschlafen. Aber meine Heirat und die Geburt meiner beiden Kinder hatten mir einen weitaus ruhigeren Lebensstil aufgezwungen. Zudem lebte ich seit nun mehr fünf Jahren in einem kleinen Dorf in Brandenburg und nicht mehr in der Großstadt. Allzu viel los war hier zu Silvester ohnehin nicht.
Ich streckte mich ausgiebig, gähnte lautstark und drehte mich dann stolz zu unserem Familienauto um, an dem ich bis vor kurzem noch herumgeschraubt hatte. Ich hatte die Ruhe des Neujahrsmorgens genutzt und den neuen Navi eingebaut, den meine Frau mir zu Weihnachten geschenkt hatte. Während meine Familie noch friedlich in ihren Betten schlummerte, hatte ich die zum Navi gehörenden Kontrolleinheiten sowie die zentrale Recheneinheit im Fahrzeug verbaut. Im Gegensatz zu den Geräten, die noch bis vor zwanzig Jahren in Gebrauch waren, beschränkte sich der Funktionsumfang moderner Navis nicht mehr nur auf das bloße Aufzeigen der günstigsten Route. Über einen eingebauten Autopilot konnte er sogar das Steuer übernehmen, während man sich selbst während der Fahrt entspannt zurücklehnen konnte. Dies machte allerdings den nachträglichen Einbau eines solchen Gerätes in ein Auto umso komplizierter. Noch einmal füllte ich meine Lungen mit der frischen, kalten Luft des Wintermorgens, bevor ich wieder das gemütliche Halbdunkel der Garage betrat.
Umständlich setzte ich mich hinter das Steuer unseres Familienautos und betrachtete mein Werk. Fast zärtlich strich ich mit meinen Fingern über die glänzenden Bedienelemente des neuen Navis, bevor ich ihn einschaltete. Mit einem kaum merklichen Summen erwachte das System zum Leben. Ein kurzes Aufblinken der Statusanzeigen folgte. Dann projizierte der Navi eine miniaturisierte dreidimensionale Darstellung meiner Umgebung auf das Armaturenbrett des Autos, in der meine eigene Position mit einem roten Punkt markiert war. Gleichzeitig ertönte eine warme weibliche Stimme aus den Lautsprechern des Autos „Guten Morgen! Ich bin das Navigationssystem T3000. Ich vermute sie sind mein neuer Besitzer?“
Ich stutzte. Offensichtlich hatte meine Frau mir ein gebrauchtes Gerät zu Weihnachten geschenkt. Bei all den Ausgaben, die wir für das Haus und unsere beiden Kinder hatten, war ihr der Kauf eines neuen Navis wahrscheinlich einfach zu teuer gewesen. „Ja, ich bin dein neuer Besitzer“, bestätigte ich. „Wann wurdest Du denn produziert?“ fügte ich neugierig hinzu, in dem Versuch das Alter des Gerätes herauszufinden..
„Ich wurde am 27.03.2029 in der chinesischen Provinz Guangdong produziert. Im Zeitraum 02.01.2031 bis 03.04.2031 wurde mein System von meinem ehemaligen Besitzer, Professor James Mortimer noch einmal stark modifiziert“, antwortete T3000. Fast schien es mir, als hätte ich einen Anflug von Stolz in der künstlichen Stimme des Navis gehört, als er von den durch seinen ehemaligen Besitzer vorgenommenen Modifikationen berichtet hatte. Aber das war natürlich vollkommen abwegig.
„Wieso hat Dich denn dein alter Besitzer verkauft?“ fragte ich, während ich über das Bedienfeld des Gerätes verschiedene Ansichten der Umgebung auf mein Armaturenbrett projezierte.
„Er hat mich nicht verkauft! Er ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich wurde als Teil seines Nachlasses über ebay versteigert“, erwiderte das System mit einem beinahe beleidigten Unterton.
„Bei einem Autoanfall?“ rief ich erschrocken aus.
„Ein Autounfall, mit dem ich wohlgemerkt nichts zu tun hatte!“ fügte T3000 beschwichtigend hinzu.
„Achso!“ Ich atmete erleichtert auf. Dann zeigte ich auf die von mir aufgerufene Karte des Dorfes und seiner Umgebung, auf der zahlreiche Markierungen zu sehen waren und fragte: „Was bedeuten denn die Markierungen auf der Karte hier?“
„Das sind Sehenswürdigkeiten für meinen Sightseeing-Modus. Dieser Modus erlaubt es ihnen eine von mir geführte und gefahrene Sightseeing-Tour zu machen“, erläuterte das Gerät. „Wollen sie jetzt eine Sightseeing-Tour machen?“
Ich runzelte überrascht die Stirn. Ich hatte unser Dorf bislang immer für ein verschlafenes Nest gehalten. Laut der Übersichtkarte gab es hier jedoch zahlreiche Sehenswürdigkeiten, von denen ich bislang überhaupt nichts wusste. Ich überlegte. Eine Sightseeing-Tour, wie T3000 ihn vorschlug, wäre sicherlich auch eine angenehme Neujahrsüberraschung für meine Frau und meine beiden Kinder. Ich guckte auf die Uhr und beschloss, dass es ohnehin an der Zeit war, meine drei Schlafmützen aus ihren Träumen zu reißen. „Einen Moment!“ sagte ich zum Navi, „Ich hole nur schnell noch meine Familie!“
Ich eilte den schmalen Treppenaufgang hinauf, der zum Wohnbereich des Hauses führte. Dort rüttelte ich zunächst meine Frau aus ihrem Schlaf und weckte dann meine beiden Kinder. Die Unmutsäußerungen meiner Frau wehrte ich mit dem Hinweis ab, dass ich eine fantastische Neujahrüberraschung für sie hätte. Die quengelnden Kinder lockte ich mit einer abenteuerlichen Reise. Mein verheißungsvolles Versprechen führte sogar dazu, dass die allmorgendlichen Formalitäten, wie Waschen, Anziehen und Frühstücken in nahezu rekordverdächtiger Zeit erledigt wurden. Insbesondere für meine beiden Kinder, die dreijährige Sophie und den siebenjährigen Kai, war dies eine beachtliche Leistung. Normalerweise benötigten die beiden für dieses allmorgendliche Ritual nämlich weit über eine Stunde, wobei Streitereien, Tränen und Geschrei in letzter Zeit zur Tagesordnung gehörten. Diesmal jedoch saß meine Familie bereits nach knapp vierzig Minuten frisch gewaschen und gesättigt auf den Autositzen.
Meine neben mir sitzende Frau schaute mich fragend an : „Und? Wo ist jetzt die Überraschung?“
Ich deutete mit einer feierlichen Handbewegung auf den Navi, der noch immer eine dreidimensionale Karte des Dorfes und seiner Umgebung mit den Sehenswürdigkeiten zeigte und erwiderte: „Der Navi, den du mir zu Weihnachten geschenkt hast, ist in der Lage eine Sightseeing-Tour mit uns zu machen, auf der uns die Sehenswürdigkeiten der Umgebung nicht nur gezeigt, sondern auch erläutert werden.“
Vom Rücksitz aus ertönten die enttäuschten Proteste der Kinder, während meine Frau nur skeptisch eine Augenbraue hochzog.
Ich ließ mich davon nicht beirren und befahl: „T3000 – starte die Tour!“
„Route wird berechnet!“ sagte der Navi mit seiner warmen Stimme. „Kommen wir nun zur ersten Station unserer Sightseeing-Tour …“, begann T3000. Überrascht blickten wir uns um. Wir standen noch immer in der heimatlichen Garage. Das System hatte noch nicht einmal den Elektro-Motor des Autos gestartet.
„… den newtonschen Gesetzen!“, verkündete der Navi feierlich. „Laut dem ersten newtonschen Gesetz (oder Axiom) verharrt ein Körper im Zustand der Ruhe, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zu Änderung seines Zustandes gezwungen wird.“
T3000 machte eine gewichtige Pause und fuhr fort: „Das dritte Axiom besagt, dass auf jede auf einen Körper einwirkende Kraft (actio) stets eine gleich große aber entgegengesetzt wirkende Kraft (reactio) wirkt. In unserem Fall treibt der Elektromotor die Autoreifen an und diese üben eine nach hinten gerichtete Kraft auf die darunterliegende Straße aus. Im Gegenzug übt die Straße eine entgegengesetzt wirkende gleich große Kraft auf das Auto aus.“
Meine Frau guckte mich nur vollkommen überrascht an. Auch mir fehlten die Worte.
„Kommen wir nun zur nächsten Station unserer Tour“, fuhr das System unbeirrt fort, „Der Trägheit der Masse.“ Mit diesen Worten ließ T3000 den Elektromotor aufheulen. Der Wagen machte einen Satz und beschleunigte innerhalb weniger Sekunden auf über einhundert Stundenkilometer. Während wir alle brutal in die Polster gepresst wurden, setzte der Navi in fröhlichem Plauderton seine Erläuterungen fort.
“Der Beschleunigungsdruck, den sie wahrscheinlich gerade verspüren, ist eine Folge der Trägheit. Die Trägheit bezeichnet die Eigenschaft von Körpern in ihrem Bewegungszustand zu verharren, solange keine äußere Kraft auf sie einwirkt. In unserem Fall sind ihre Körper aufgrund der Trägheit immer etwas langsamer als das beschleunigende Auto, wodurch der Druck zu Stande kommt.“
Ich wollte den Navi befehlen anzuhalten, brachte aber aufgrund des Beschleunigungsdrucks nur ein heiseres Krächzen hervor.
„Eine besondere Form der Trägheit ist die sogenannte Fliehkraft oder auch Zentrifugalkraft genannt“, Erklärte das System mit einem beinahe vergnügten Unterton, während es das Auto mit fast unverminderter Geschwindigkeit und laut quietschenden Reifen im Kreis fahren ließ. Das Manöver drückte uns gegen die Autokarosserie, obwohl wir all angeschnallt waren. Hinter mir hörte ich Sofie auf dem Rücksitz würgen. Kurz darauf rann ein warmer zähflüssiger Brei an mir und der Frontscheibe herunter, der nach einer Mischung aus Alete-Kinderbrei und Apfelsaft roch.
Die Beschleunigung ließ nach und das Auto bog auf die ins Dorfzentrum führende Landstraße ein. Während meine Frau noch um Atem rang und ich meine Brille vom übelriechenden Brei zu säubern versuchte, fuhr der T3000 munter mit seinen Erklärungen fort: „Auf der linken Seite des Autos sehen sie einen Schweinestall. Das Hausschwein wurde vor circa. neuntausend Jahren in der heutigen Türkei domestiziert. Den wenigsten Menschen ist allerdings bekannt, dass das männliche Schwein, Eber genannt, bis zu fünfzig mal hintereinander einen Orgasmus haben kann.“
„Mama“ ertönte die Stimme des siebjährigen Kai vom Rücksitz, der bislang erstaunlich still geblieben war „Was ist denn ein Orgas-Bus?“
Ohne auf die Frage unseres Sohnes einzugehen, dreht sich meine Frau wutentbrannt zu mir herum und schrie: „Nun tu doch endlich etwas!“
„Tour unterbrechen, Tour unterbrechen!“ schrie ich panisch.
„Aber ich habe doch gerade erst angefangen!“ erwiderte der T3000 mit weinerlicher Stimme. „Es gibt doch noch so viel zu sehen!“
Hastig schlug ich mit meiner Hand auf den Aus-Schalter des Navis. Mit einem Geräusch, welches an ein elektronisches Schluchzen erinnerte erstarb das Flackern der Kontrollleuchten und die dreidimensional Karte erlosch. Mit einem elektrischen Warnton kam der Wagen ruckartig zum Stillstand.
„Du und deine Ideen!“ fuhr meine Frau mich an.
„Du und deine Geschenke!“ schrie ich wütend zurück
„Toll!“ quiekte Kai vom Rücksitz aus und klatschte vergnügt in die Hände. „Das hat Spaß gemacht! Können wir das noch mal machen?“
Fassungslos guckten mein Frau und ich uns an, während sich Sophie zum zweiten Mal über die Sitze unseres Autos erbrach …

Herrlich Lars Anders, das war für die Family besser wie Disneyland- und man hat viel gelernt….
Lg.waltraud a.