Gestern, heute, morgen: Pierre mal drei

Nein, ich war damals kein Strich in der Landschaft. Ich war schon immer ein wenig barock eingestellt und genoss das Leben. Liebe geht durch den Magen. Das nahm ich wörtlich, was zur Folge hatte, dass ich ein wenig fettig wurde. Um mir ein gutes Gewissen ein zu reden, bezeichnete ich den Ring um meinen Bauch als Muskel! Das nahm mir niemand ab, was mich nicht sehr erfreute. Aber wie es so ist, die Leute haben Vorurteile, die ich nicht in der Lage war auszuräumen! Also musste ich damit leben.

Gott sei Dank gibt es auch Frauen, die Rubens sehr schätzen. So musste ich nicht einsam auf einer Insel bleiben. Auch meine Lebenseinstellung war nicht gerade zurückhaltend. Ich versuchte aufbrausend meine künstlerische Gedanken aufzuzeichnen oder auf eine Bühne darzustellen. Als Theatermann wollte ich mich von den Zwängen der Konvention befreien; provozierend sein. Damit bekam ich immer wieder eine wunde Nase und verdammte dann die ganze Welt, die mich partout nicht verstehen wollte. Ich war Opfer der Konventionen, dachte ich!

Ich hätte mit Widerstand rechnen sollen, aber das ging mir nicht in den Kopf hinein. Hatte ich es nur mit Spießern zu tun? Im Nachhinein keineswegs. Nur mit Menschen, die nicht unbedingt meine Richtung vertraten. Wenn man jung und seelisch knackig ist, verträgt man schwer den Widerspruch. Wer waren sie denn schon, um mich so zu beurteilen? Es ist das Recht der Jugend, verletzlich zu sein, sagte ich mir. Deshalb verwandelte ich mich in einer beleidigte Leberwurst, was ich heute albern finde.

Heute bin noch längst kein Strich in der Landschaft; bin auch ein wenig barock geblieben. Aber wenn man ein paar Schrammen bekommen hat, ist die Versuchung groß, sich in Deckung zu bringen. Ich musste lernen, wie man mit den Menschen umgehen soll, um halbwegs gesund ans Ziel zu kommen. Kompromisse, die mir gar nicht gefallen, musste ich hinnehmen. Und dann immer wieder die schmerzliche Frage, ob ich mich selbst verraten hätte?

Ich bin heute in der Lage mit schönen Sätzen zu taktieren. Was bringt mir das? Komme ich nicht damit in eine schiefe Lage, die mit mir selbst gar nichts mehr zu tun hat? Bin ich überhaupt noch in der Verfassung, zu rebellieren? Da habe ich manchmal meine Bedenken. Vielleicht möchte ich ganz einfach Konflikten aus dem Weg gehen. Völlig legitim, aber langweilig! Ich hätte manchmal Lust, mich selbst zu beschimpfen: „Du bist doch ein Arsch geworden!“ Aber dass bringt mich nicht weiter, weil ich nicht viel verändern kann.

Ist das ein Zeichen des Verfalls? Lässt der Widerstand einfach nach? Darüber kann ich nicht jubeln! Und ihr? Geht es euch anders?

Die einzige Perspektive, die sich für mich morgen anbietet, ist die längliche Holzkiste. So ist es halt. Dann werde ich ein Strich in der Landschaft sein! Aber davor möchte ich Unruhe stiften. Geistig versteht sich. Das ist gemütlicher, als die Straße zu besetzen. Laut das sagen, was sich andere nicht wagen. Habe ich überhaupt noch etwas zu verlieren? Muss ich überhaupt noch auf jemand Rücksicht nehmen? Das ist der Vorteil des Alters, endlich das zu sagen, was man aus taktischen Gründen besser sein ließ.

Voraussetzung ist aber, dass man überhaupt etwas zu sagen hat. Ich werde mich bemühen! Ich kann allerdings heute nicht sagen, ob es mir gelingen wird. Solange mein Hirn halbwegs funktioniert, bin ich guten Mutes. Wer kann mir das garantieren? Ich habe fest vor, mitzumischen, aber es ist zu befürchten, dass niemand mich ernst nehmen wird. „Merkt ihr nicht, dass er nicht mehr ganz klar in der Rübe ist?“
Wird man mich auslachen, als dement bezeichnen?
Eine Hoffnung bleibt dennoch bestehen: oft wurden Menschen, die als verrückt betrachten worden sind, posthum hoch geehrt! Hätte ich etwas davon? Nein, aber die Würmer!

//pm

zum Thema Revoluzzer:
http://www.aracis.biz/blog/2009/01/salon-revoluzzer/
http://de.wikipedia.org/wiki/Revoluzzer
http://www.mela.de/Mela/revoluzzer.html

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November 5th

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